Wildkrankheiten
Viruskrankheiten
Viruskrankheiten gehören zu den gefährlichsten Infektionskrankheiten des Wildes. Mehrere Viruskrankheiten sind anzeigepflichtige Tierseuchen, einige sind töd…
Viruskrankheiten gehören zu den gefährlichsten Infektionskrankheiten des Wildes. Mehrere Viruskrankheiten sind anzeigepflichtige Tierseuchen, einige sind tödliche Zoonosen. Im Gegensatz zu bakteriellen Erkrankungen lassen sich Virusinfektionen nicht mit Antibiotika behandeln. Die Bekämpfung erfolgt daher vor allem durch Impfprogramme, Seuchenhygiene und die Regulation der Wildbestände. Für die Jägerprüfung sind Tollwut, Schweinepest (KSP und ASP), Aujeszkysche Krankheit, Myxomatose und Geflügelpest die wichtigsten Themen.
Tollwut (Rabies, Lyssa)
Erreger: Lyssavirus (Familie Rhabdoviridae) Betroffene Wildarten: Alle Säugetiere; klassischer Hauptwirt der terrestrischen Tollwut in Mitteleuropa war der Fuchs Übertragung: Biss (Virus im Speichel), seltener über Hautwunden bei Kontakt mit Speichel Status: Anzeigepflichtige Tierseuche, Zoonose, IMMER TÖDLICH bei Ausbruch
Krankheitsverlauf beim Fuchs: Die Inkubationszeit beträgt 2-8 Wochen (selten bis zu einem Jahr). Das Virus wandert entlang der Nervenbahnen zum Gehirn. Man unterscheidet zwei Verlaufsformen:
1. Rasende Wut (häufiger): • Verlust der natürlichen Scheu vor dem Menschen • Grundlose Aggressivität, Beißen in Gegenstände • Starker Speichelfluss (Schaum vor dem Maul) • Unkoordinierte Bewegungen, Orientierungslosigkeit • Anfälle von Tobsucht, abwechselnd mit Phasen der Erschöpfung
2. Stille Wut (seltener, aber gefährlicher weil schwerer zu erkennen): • Ungewöhnliche Zahmheit, Zutraulichkeit • Lähmungserscheinungen, besonders der Hinterläufe • Herabhängender Unterkiefer durch Kehlkopflähmung • Schluckstörungen, Speichelfluss • Keine Aggressivität
[Vergleichstabelle: Rasende Wut vs. Stille Wut Merkmal Rasende Wut Stille Wut Häufigkeit Häufiger Seltener Aggressivität Stark erhöht Nicht vorhanden Verhalten Beißen, Toben, Angreifen Zahm, zutraulich, apathisch Speichelfluss Ja, Schaum Ja, durch Lähmung Lähmungen Spät im Verlauf Früh und deutlich Erkennbarkeit Relativ leicht Schwer (wirkt harmlos!) Gefahr für Mensch Offensichtlich Unterschätzt – daher gefährlicher
Bekämpfung der klassischen Fuchstollwut: Die orale Immunisierung von Füchsen mit Impfködern war die zentrale Tilgungsmaßnahme und führte in Deutschland zur Freiheit von terrestrischer Tollwut. Heute sind Überwachung, Meldung verdächtiger Tiere, Vorsicht bei Bissverletzungen und der Fledermaus-/Importkontext besonders wichtig.
Schweinepest – Klassische und Afrikanische
Die Schweinepest ist eine der wirtschaftlich bedeutendsten Tierseuchen weltweit. Beim Wild betrifft sie ausschließlich das Schwarzwild. Beide Formen – Klassische Schweinepest (KSP) und Afrikanische Schweinepest (ASP) – sind anzeigepflichtig und KEINE Zoonosen.
Klassische Schweinepest (KSP)
Erreger: Pestivirus (Familie Flaviviridae) Übertragung: Direkter Kontakt, kontaminiertes Futter, Blut, Kot
Symptome: • Hohes Fieber (über 41°C) • Appetitlosigkeit, Apathie • Taumelnder Gang, Krämpfe • Bläulich-rote Verfärbungen an Ohren, Bauch, Innenseite der Keulen • Blutungen in Organen (Petechien auf Nieren – sogenannte "Truthahnniere") • Durchfall, Erbrechen • Hohe Sterblichkeit bei Frischlingen und Überläufern
Afrikanische Schweinepest (ASP)
Erreger: Asfivirus (Familie Asfarviridae) Übertragung: Direkter Kontakt, kontaminiertes Blut, Fleischprodukte (!), Lederzecken (in Afrika)
Symptome (sehr ähnlich wie KSP, aber höhere Sterblichkeit): • Hohes Fieber, blutiger Durchfall • Massive Blutungen in Haut und Organen • Nasenbluten, Blut im Urin • Sterblichkeit bis 100% bei erstmaligem Auftreten
[Vergleichstabelle: KSP vs. ASP Merkmal KSP ASP Erreger Pestivirus Asfivirus Sterblichkeit 50-90% Bis 100% Impfung möglich Ja (Oralimpfung) Nein! Zoonose Nein Nein Widerstandsfähigkeit Mäßig Sehr hoch (monatelang in Fleisch) Lage in Deutschland Letzte Fälle 2009 Seit 2020 (Brandenburg) Truthahnniere Typisch Möglich Hauptverbreitungsweg Tier-zu-Tier Auch über kontaminierte Lebensmittel
Maßnahmen bei Schweinepest: • Sofortige Meldung an das Veterinäramt • Einrichtung von Kern- und Pufferzonen (Restriktionsgebiete) • Intensivierte Bejagung oder Jagdruhe (je nach behördlicher Anordnung) • Kadaversuche mit Hunden • Wildschutzzäune zur Verhinderung der Ausbreitung • Unschädliche Beseitigung aller Kadaver • Bei KSP: Orale Immunisierung möglich
[Bild: /images/abbildungen/sg2/asp_ksp_vergleich.png ASP KSP Afrikanische Schweinepest Klassische Schweinepest Seuche Tierseuche Viruskrankheit Vergleich: Erreger, Virus, Übertragungsweg, Symptome, Meldepflicht, anzeigepflichtig, Maßnahmen, Seuchenbekämpfung, Schwarzwild, Wildschwein, Ausbreitung, Seuchengeschehen, Sperrzone, Kernzone, Pufferzone, Fallwild, Kadaver
Aujeszkysche Krankheit (Pseudowut)
Erreger: Suid Herpesvirus 1 (Herpesvirus) Betroffene Wildarten: Schwarzwild als Hauptwirt (symptomloser Träger!), TÖDLICH für Hunde, Katzen, Rinder Übertragung: Direkter Kontakt, Verfütterung von rohem Schweinefleisch an Hunde (!) Status: Anzeigepflichtige Tierseuche, KEINE Zoonose
Symptome beim Hund: • Extremer Juckreiz ("Pseudowut" – Hund kratzt sich blutig) • Wesensveränderung, Unruhe oder Apathie • Speichelfluss, Schluckstörungen • Tod innerhalb von 24-48 Stunden nach Symptombeginn
Symptome beim Schwarzwild: • Erwachsene Sauen: Meist symptomlos (Virusträger) • Frischlinge: Fieber, Zittern, Krämpfe, Todesfälle möglich
Myxomatose
Erreger: Myxomavirus (Familie Poxviridae) Betroffene Wildarten: Wildkaninchen (Hauptwirt!), Feldhase nur selten und milde Übertragung: Stechmücken, Kaninchenfloh, direkter Kontakt Status: Keine Zoonose
Symptome: • Schwellungen an Kopf, Augen, Ohren, Genitalien, Pfoten • Typischer "Löwenkopf" durch massive Kopfschwellungen • Verklebte, geschwollene Augenlider bis zur Erblindung • Eitriger Nasenausfluss • Apathie, Abmagerung • Hohe Sterblichkeit (bis 99% bei Erstinfektion)
Genusstauglichkeit: Nicht genusstauglich.
Staupe
Erreger: Canines Staupevirus (CDV, Familie Paramyxoviridae) Betroffene Wildarten: Fuchs, Marder, Dachs, Waschbär, Iltis, Hermelin Übertragung: Tröpfcheninfektion, direkter Kontakt Status: Keine anzeigepflichtige Seuche, keine Zoonose
Symptome: • Drei Verlaufsformen: Darmstaupe (Durchfall), Lungenstaupe (Husten, Nasenausfluss), Nervenstaupe (Krämpfe, Lähmungen) • Eitrig-schleimiger Nasen- und Augenausfluss • "Hartballenkrankheit" – Verhärtung der Ballen und des Nasenspiegels • Bei nervöser Form: Zittern, Krämpfe, Wesensveränderung (ähnlich Tollwut!)
Genusstauglichkeit: Nicht genusstauglich.
RHD/Chinaseuche und EBHS
RHD (Rabbit Haemorrhagic Disease / Chinaseuche)
Erreger: Calicivirus (Lagovirus) Betroffene Wildarten: Wildkaninchen (und Hauskaninchen) Übertragung: Direkter Kontakt, kontaminiertes Futter, Insekten als Vektoren
Symptome: • Perakuter Verlauf: Plötzlicher Tod ohne vorherige Symptome • Blutiger Nasenausfluss • Massive Blutungen in Organen, besonders Leber (Hepatitis) • Sterblichkeit bis 90%
EBHS (European Brown Hare Syndrome)
Erreger: Calicivirus (Lagovirus, verwandt mit RHD) Betroffene Wildarten: Feldhasen Symptome: Ähnlich wie RHD – plötzlicher Tod, Leberveränderungen, Blutungen
[Vergleichstabelle: Kaninchenseuchen vs. Hasenseuchen Merkmal RHD (Chinaseuche) EBHS Myxomatose Erreger Calicivirus Calicivirus Myxomavirus Betroffene Art Wildkaninchen Feldhase Wildkaninchen Symptome Plötzlicher Tod, Blutungen Plötzlicher Tod Löwenkopf, Schwellungen Sterblichkeit Bis 90% Hoch Bis 99% Zoonose Nein Nein Nein Verwechslung EBHS beim Hasen RHD beim Kaninchen Nicht mit RHD/EBHS
Genusstauglichkeit: Beide nicht genusstauglich.
Geflügelpest (Aviäre Influenza, Vogelgrippe)
Erreger: Influenza-A-Virus, Subtypen H5 und H7 (hochpathogen) Betroffene Wildarten: Wildgeflügel, besonders Zugvögel (Enten, Gänse, Schwäne), Greifvögel Übertragung: Direkter Kontakt, kontaminiertes Wasser, Kot; Zugvögel als Hauptverbreiter Status: Anzeigepflichtige Tierseuche, Zoonose-Potenzial (H5N1)
Symptome: • Massenhaftes Sterben von Wasservögeln • Apathie, gesträubtes Gefieder • Zyanotische (bläuliche) Verfärbung von Kamm und Kehllappen • Blutiger Durchfall, Nasenausfluss • ZNS-Störungen: Verdrehen des Kopfes, Gleichgewichtsstörungen
Maul- und Klauenseuche (MKS)
Erreger: Aphthovirus (Familie Picornaviridae) Betroffene Wildarten: Alle Klauentiere (Reh, Hirsch, Gams, Schwarzwild) Übertragung: Hochansteckend! Direkter Kontakt, Tröpfchen, kontaminiertes Material Status: Anzeigepflichtige Tierseuche, extrem selten Zoonose
Symptome: • Blasenbildung an Maul, Zunge, Klauen, Gesäuge • Starker Speichelfluss, Schmatzgeräusche • Lahmheit durch Klauenveränderungen • Abmagerung, Milchrückgang bei säugenden Tieren
MKS gilt als eine der wirtschaftlich bedeutendsten Tierseuchen. Deutschland war nach dem historischen Ausbruch 1988 jahrzehntelang amtlich MKS-frei. Am 10. Januar 2025 wurde erstmals wieder ein MKS-Ausbruch in Deutschland amtlich bestätigt (Wasserbüffel-Haltung in Brandenburg, Friedrich-Loeffler-Institut/BMEL). Nach Eindämmung des lokalen Geschehens wurde der Status „MKS-frei ohne Impfung“ für Deutschland am 14. April 2025 wieder vollständig erlangt. Für die Prüfung wichtig: MKS bleibt anzeigepflichtig; bei Verdacht gelten sofortige Meldung, Sperrmaßnahmen und Seuchenhygiene.
Blauzungenkrankheit
Erreger: Orbivirus (Familie Reoviridae) Betroffene Wildarten: Wiederkäuer (Rotwild, Rehwild, Muffelwild, Gamswild) Übertragung: Ausschließlich durch Gnitzen (Culicoides) – kleine blutsaugende Mücken Status: Anzeigepflichtige Tierseuche, KEINE Zoonose
Symptome: • Schwellung und Blaufärbung der Zunge (namensgebend!) • Erosionen und Geschwüre im Maulbereich • Lahmheit durch Klauenveränderungen • Fieber, Nasenausfluss, Speichelfluss • Abmagerung
[Vergleichstabelle: Übersicht Viruskrankheiten Krankheit Anzeigepflichtig Zoonose Impfung möglich Betroffenes Wild Tollwut Ja Ja (tödlich!) Ja (Impfköder) Alle Säuger, v.a. Fuchs KSP Ja Nein Ja (oral) Schwarzwild ASP Ja Nein Nein! Schwarzwild Aujeszky Ja Nein Ja Schwarzwild (Träger) Myxomatose Nein Nein Nein Wildkaninchen Staupe Nein Nein Ja (Hunde) Fuchs, Marder, Dachs RHD Nein Nein Ja (Kaninchen) Wildkaninchen Geflügelpest Ja Ja (H5N1) Bedingt Wildgeflügel MKS Ja Sehr selten nur behördlich Klauentiere Blauzunge Ja Nein Ja Wiederkäuer
Typische Prüfungsfragen
- Beschreiben Sie die zwei Verlaufsformen der Tollwut.
- Was unterscheidet KSP von ASP?
- Warum darf man Jagdhunden keinen rohen Wildschweineaufbruch geben?
- Was ist der "Löwenkopf" und bei welcher Krankheit tritt er auf?
- Nennen Sie die Viruskrankheiten, die anzeigepflichtig sind.
- Wie wird die Blauzungenkrankheit übertragen?
- Warum ist die ASP so schwer zu bekämpfen?
- Wie unterscheiden sich Staupe und Tollwut im Erscheinungsbild?
Häufige Fehler und Stolperfallen
- Schweinepest als Zoonose bezeichnen: Weder KSP noch ASP sind auf den Menschen übertragbar!
- Aujeszky als Gefahr für den Menschen sehen: Keine Zoonose, aber tödlich für Hunde.
- Myxomatose dem Feldhasen zuordnen: Hauptwirt ist das Wildkaninchen, nicht der Hase!
- RHD und EBHS verwechseln: RHD = Kaninchen, EBHS = Hase.
- Staupe mit Tollwut verwechseln: Nervöse Staupe kann ähnlich aussehen – im Zweifel von Tollwut ausgehen.
- ASP-Widerstandsfähigkeit unterschätzen: Virus überlebt monatelang in Fleischprodukten, auch in Wurst und Schinken.
- Tollwut für vollständig erledigt halten: Klassische terrestrische Tollwut ist in Deutschland getilgt, Fledermaus-Lyssaviren und Importfälle bleiben möglich!
Merkhilfe für die Zuordnung Krankheit-Wildart: • Schwarzwild: "SchweinePest-Aujeszky" – beide Schweinekrankheiten • Wildkaninchen: "MyxRHD" – Myxomatose und RHD • Fuchs: "TollStaupe" – Tollwut und Staupe • Zugvögel: "GeflügelGrippe" – Geflügelpest