Wildkrankheiten

Bakterielle Krankheiten

Bakterielle Krankheiten gehören zu den häufigsten Infektionskrankheiten des Wildes und sind für die Jägerprüfung von großer Bedeutung. Viele bakterielle Erkr…

ca. 22 Min. Aktualisiert am 10.6.2026 Redaktion & Prüfung

Bakterielle Krankheiten gehören zu den häufigsten Infektionskrankheiten des Wildes und sind für die Jägerprüfung von großer Bedeutung. Viele bakterielle Erkrankungen sind Zoonosen und stellen damit ein direktes Gesundheitsrisiko für den Jäger dar. Ein zentraler Grundsatz lautet: Wild, das an bakteriellen Krankheiten leidet, ist in der Regel nicht genusstauglich. Lediglich bei Gamsblindheit und lokaler Aktinomykose (Strahlenpilz) darf das Wildbret nach Entfernung der betroffenen Stellen verwertet werden. Dieses Kapitel behandelt alle prüfungsrelevanten bakteriellen Erkrankungen im Detail.

Strahlenpilz (Aktinomykose)

Trotz des irreführenden Namens handelt es sich bei Actinomyces bovis nicht um einen Pilz, sondern um ein Bakterium. Die Aktinomykose befällt vor allem Rehwild und Rotwild.

Symptome und Erscheinungsbild: • Knöcherne Auftreibungen am Unterkiefer (Kieferschwellung) • Gelblich-körniger Eiter in den Schwellungen (sogenannte Drusen) • Lockerung und Verlust der Zähne • Abmagerung durch erschwertes Äsen • In schweren Fällen Durchbruch durch die Haut mit Fistelbildung

Genusstauglichkeit: Bei lokaler Begrenzung auf den Kieferbereich ist das Wildbret nach großzügiger Entfernung des befallenen Bereiches genusstauglich. Bei generalisiertem Befall ist das gesamte Tier nicht genusstauglich.

[Bild: /images/abbildungen/sg2/aktinomykose_unterkiefer.png Unterkiefer Rehbock mit knöcherner Auftreibung durch Aktinomykose

Hasenkrankheiten im Überblick

Der Feldhase ist für mehrere schwerwiegende bakterielle Erkrankungen empfänglich. In der Prüfung werden die drei wichtigsten Hasenkrankheiten besonders häufig abgefragt.

Pseudotuberkulose (Rodentiose/Yersiniose)

Erreger: Yersinia pseudotuberculosis Betroffene Wildarten: Feldhase, Wildkaninchen, vereinzelt Rehwild Übertragung: Orale Aufnahme über kontaminierte Äsung, Schmierinfektion

Symptome: • Apathie, struppiges Fell, Abmagerung • Durchfall, oft blutig • Stecknadelkopfgroße, gelblich-weiße Knötchen (Pseudotuberkel) auf Leber, Milz und Darm • Die Knötchen ähneln echten Tuberkeln, sind aber NICHT durch Tuberkelbakterien verursacht

Genusstauglichkeit: Nicht genusstauglich. Zoonose!

Tularämie (Nagerpest/Hasenpest)

Erreger: Francisella tularensis Betroffene Wildarten: Feldhase (Hauptwirt), Wildkaninchen, Nagetiere Übertragung: Hautkontakt beim Abbalgen (auch durch intakte Haut!), Zeckenstich, Einatmen von kontaminiertem Staub

Symptome beim Hasen: • Verlust der natürlichen Scheu (Hase lässt sich greifen) • Schwerfälliges Hoppeln, Apathie • Milz stark vergrößert (auf das 3-5fache), dunkel verfärbt • Weißlich-gelbe, stecknadelkopfgroße Herde auf Leber und Milz • Schneller Tod durch Sepsis (Blutvergiftung)

Symptome beim Menschen: Plötzliches hohes Fieber, Kopfschmerzen, Lymphknotenschwellung, bei Hautinfektion Geschwüre an der Eintrittsstelle. Ohne Behandlung potenziell tödlich.

Genusstauglichkeit: Nicht genusstauglich. Gefährliche Zoonose!

Pasteurellose (Hämorrhagische Septikämie)

Erreger: Pasteurella multocida Betroffene Wildarten: Feldhase, Wildkaninchen, auch Schalenwild und Federwild Übertragung: Tröpfcheninfektion, kontaminiertes Futter

Symptome: • Plötzliche Todesfälle ohne vorherige Krankheitsanzeichen • Bei längerem Verlauf: Atemnot, Nasenausfluss, Durchfall • Blutungen in Organen und unter der Haut (hämorrhagische Septikämie)

Genusstauglichkeit: Nicht genusstauglich.

[Vergleichstabelle: Hasenkrankheiten im Vergleich Merkmal Pseudotuberkulose Tularämie Pasteurellose Erreger Yersinia pseudotuberculosis Francisella tularensis Pasteurella multocida Organbefund Knötchen auf Leber/Milz Vergrößerte Milz, Herde Blutungen in Organen Zoonose Ja Ja (hochgefährlich!) Selten Übertragung Mensch Oral Hautkontakt, Einatmen Selten Genusstauglich Nein Nein Nein Verwechslung mit Tuberkulose (ähnliche Knötchen) Pseudotuberkulose Milzbrand

Brucellose

Erreger: Brucella suis (Schwarzwild), Brucella abortus (Rotwild, Rehwild) Betroffene Wildarten: Schwarzwild, Rotwild, Rehwild, Feldhase Übertragung: Kontakt mit Nachgeburten, Geschlechtsorganen, Urin; auch über kontaminierte Äsung

Symptome: • Beim Schwarzwild: Unfruchtbarkeit, Aborte, eitrige Gebärmutterentzündung, Hodenentzündung bei Keilern • Beim Hasen: Vergrößerte Milz, eitrige Herde in Organen • Chronischer Verlauf mit wechselnder Symptomatik

Zoonose: Ja! Beim Menschen Fieberschübe (Mittelmeerfieber, Maltafieber), Gelenkschmerzen, chronischer Verlauf möglich.

Genusstauglichkeit: Nicht genusstauglich.

Staphylokokkose (Eitererreger)

Erreger: Staphylococcus aureus und verwandte Arten Betroffene Wildarten: Alle Wildarten, besonders Schalenwild Übertragung: Über Wunden, hämatogen (über das Blut)

Symptome: • Eitrige Abszesse in verschiedenen Organen und unter der Haut • Gelenksentzündungen mit Eiteransammlung • Wundinfektionen, besonders nach Schussverletzungen

Genusstauglichkeit: Nicht genusstauglich bei generalisiertem Befall. Bei einzelnem, lokal begrenztem Abszess nach großzügiger Entfernung bedingt genusstauglich.

Gamsblindheit (Infektiöse Keratokonjunktivitis)

Erreger: Mycoplasma conjunctivae (manchmal auch Chlamydien beteiligt) Betroffene Wildarten: Gamswild, Steinwild, selten Rehwild und Schafe Übertragung: Direkter Kontakt, Fliegen als mechanische Überträger

Symptome: • Einseitige oder beidseitige Bindehautentzündung • Tränenfluss, geschwollene Augenlider • Trübung der Hornhaut (weißlich-bläulich) • In schweren Fällen vollständige Erblindung • Erblindete Tiere stürzen häufig im Gebirge ab

Genusstauglichkeit: Ja, das Wildbret ist genusstauglich, da nur die Augen betroffen sind.

[Bild: /images/abbildungen/sg2/gamsblindheit_auge.png Gamsblinheit – getrübtes Auge durch Moraxella ovis Infektion

Leptospirose

Erreger: Leptospira interrogans (verschiedene Serovare) Betroffene Wildarten: Nagetiere (Reservoirwirte), Schwarzwild, Rehwild, Fuchs Übertragung: Über den Urin infizierter Tiere, kontaminiertes Wasser (Pfützen, Gräben)

Symptome: • Beim Wild oft symptomloser Verlauf (Dauerausscheider!) • Bei akutem Verlauf: Fieber, Gelbsucht, Nierenversagen • Blutiger Urin

Zoonose: Ja! Beim Menschen Morbus Weil (Gelbsucht, Nieren- und Leberversagen). Infektion über Hautwunden bei Kontakt mit kontaminiertem Wasser.

Milzbrand (Anthrax)

Erreger: Bacillus anthracis (sporenbildendes Bakterium) Betroffene Wildarten: Alle Warmblüter, besonders Wiederkäuer Übertragung: Orale Aufnahme von Sporen aus dem Boden, Hautkontakt, Einatmen

Symptome: • Perakuter Verlauf: Plötzlicher Tod ohne vorherige Symptome • Blutiger Austritt aus Körperöffnungen (Nase, After, Maul) • Milz stark vergrößert, dunkel, breiig zerfließend ("Milzbrand") • Blut gerinnt NICHT (dunkel, teerartig) • Aufgetriebener Kadaver (schnelle Gasentwicklung)

Zoonose: Ja, hochgefährlich! Hautmilzbrand (Pustula maligna), Lungenmilzbrand (Einatmen von Sporen, oft tödlich), Darmmilzbrand (Verzehr kontaminierter Nahrung).

Genusstauglichkeit: Keinesfalls genusstauglich! Tierkörper muss durch die Tierkörperbeseitigungsanstalt verbrannt werden.

Moderhinke (Klauenfäule)

Erreger: Dichelobacter nodosus in Kombination mit Fusobacterium necrophorum Betroffene Wildarten: Gamswild, Rehwild, Muffelwild, Steinwild Übertragung: Über feuchte Böden, kontaminierte Einstände

Symptome: • Lahmheit, hochgradige Gehstörungen • Fauliger Geruch an den Klauen • Ablösung des Klauenhorns (Ausschuhen) • Abmagerung durch eingeschränkte Mobilität

Genusstauglichkeit: Bei alleinigem Klauenbefall nach Entfernung der befallenen Gliedmaßen bedingt genusstauglich.

Tuberkulose

Erreger: Mycobacterium bovis (Rindertyp), selten M. avium (Geflügeltyp) Betroffene Wildarten: Rotwild (Hauptwirt beim Wild), Schwarzwild, Rehwild, Dachs Übertragung: Tröpfcheninfektion, orale Aufnahme, Kontakt mit infizierten Haustieren (Rindern)

Symptome: • Chronische, schleichende Erkrankung • Verkäste (gelblich-krümelige) oder verkalkte Knötchen (Tuberkel) in Lymphknoten, Lunge, Leber • Abmagerung trotz guter Äsung • Husten bei Lungenbefall

[Vergleichstabelle: Tuberkulose vs. Pseudotuberkulose Merkmal Tuberkulose Pseudotuberkulose Erreger Mycobacterium bovis Yersinia pseudotuberculosis Betroffene Arten Rotwild, Schwarzwild, Dachs Hase, Kaninchen, Rehwild Knötchen Verkäst, verkalkt, derb Weich, gelblich-weiß Größe Knötchen Erbsen- bis haselnussgroß Stecknadelkopfgroß Verlauf Chronisch, schleichend Akut bis subakut Zoonose Ja Ja Genusstauglich Nein Nein

Zoonose: Ja! Tuberkulose ist auf den Menschen übertragbar. Die Rindertuberkulose war vor der Pasteurisierung von Milch eine der häufigsten Infektionskrankheiten.

Genusstauglichkeit: Nicht genusstauglich. Amtliche Fleischuntersuchung erforderlich.

[Vergleichstabelle: Genusstauglichkeit bei bakteriellen Krankheiten Krankheit Genusstauglich Bemerkung Aktinomykose (lokal) Ja (bedingt) Nach Entfernung des Herdes Gamsblindheit Ja Nur Augen betroffen Tularämie Nein Gefährliche Zoonose Pseudotuberkulose Nein Zoonose Brucellose Nein Zoonose Milzbrand Nein Nicht aufbrechen! Tuberkulose Nein Amtl. Fleischuntersuchung Leptospirose Nein Zoonose Pasteurellose Nein Septikämie

Typische Prüfungsfragen

  • Bei welchen bakteriellen Krankheiten ist das Wildbret genusstauglich?
  • Was ist Tularämie und warum ist sie für den Jäger besonders gefährlich?
  • Beschreiben Sie das Organbild bei Pseudotuberkulose.
  • Was ist bei Milzbrandverdacht zu beachten?
  • Welche Hasenkrankheiten kennen Sie? Vergleichen Sie die Organbefunde.
  • Wie unterscheiden sich Tuberkulose und Pseudotuberkulose?
  • Was verursacht die Gamsblindheit und wie sieht sie aus?

Häufige Fehler und Stolperfallen

  • Aktinomykose als Pilz einordnen: Der Name "Strahlenpilz" führt in die Irre – es ist ein Bakterium.
  • Genusstauglichkeit pauschal verneinen: Die Ausnahmen Gamsblindheit und lokale Aktinomykose werden oft vergessen.
  • Pseudotuberkulose mit Tuberkulose verwechseln: Unterschiedliche Erreger, unterschiedliche Knötchen, unterschiedliche Wildarten!
  • Milzbrand aufbrechen wollen: Bei Milzbrandverdacht darf NICHT aufgebrochen werden – Sauerstoff fördert Sporenbildung.
  • Tularämie unterschätzen: Der Erreger dringt auch durch unverletzte Haut ein – Handschuhe sind Pflicht beim Umgang mit Hasen.
  • Brucellose nur beim Schwarzwild verorten: Auch Rotwild, Rehwild und Feldhasen können betroffen sein.

[Bild: /images/abbildungen/sg2/organbefunde_bakteriell_vergleich.png Organbefunde bei bakteriellen Wildkrankheiten: Pseudotuberkulose, Tuberkulose, Pasteurellose

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