Wildkrankheiten
Innenparasiten
Innenparasiten (Endoparasiten) leben im Inneren des Wirtstieres – in Organen, Muskeln, im Darm oder in Blutgefäßen. Sie gehören zu den häufigsten Krankheitsu…
Innenparasiten (Endoparasiten) leben im Inneren des Wirtstieres – in Organen, Muskeln, im Darm oder in Blutgefäßen. Sie gehören zu den häufigsten Krankheitsursachen beim Wild und haben enorme Bedeutung für die Genusstauglichkeit des Wildbrets. Besonders die Trichinen beim Schwarzwild sind für den Jäger von höchster Relevanz, da die Trichinenschau bei jedem erlegten Wildschwein gesetzlich vorgeschrieben ist. In diesem Kapitel werden alle prüfungsrelevanten Innenparasiten ausführlich behandelt.
Leberegel
Leberegel sind Saugwürmer (Trematoden), die in den Gallengängen der Leber parasitieren. Man unterscheidet den Großen und den Kleinen Leberegel, die sich in Größe, Lebenszyklus und Zwischenwirten deutlich unterscheiden.
Großer Leberegel (Fasciola hepatica)
Größe: 2-4 cm, blattförmig Betroffene Wildarten: Rotwild, Rehwild, Damwild, Muffelwild, Schwarzwild, Feldhase Zwischenwirt: Zwergschlammschnecke (Galba truncatula) – lebt in feuchten Wiesen und Gräben Vorkommen: Besonders in feuchten, sumpfigen Revieren
Lebenszyklus des Großen Leberegels: 1. Erwachsener Egel in den Gallengängen legt Eier 2. Eier gelangen mit der Galle in den Darm und werden mit dem Kot ausgeschieden 3. Im Wasser entwickelt sich aus dem Ei eine Larve (Miracidium) 4. Miracidium dringt in die Zwergschlammschnecke ein 5. In der Schnecke mehrere Entwicklungsstadien (Sporozyste → Redie → Zerkarie) 6. Zerkarien verlassen die Schnecke und enzystieren sich an Grashalmen (Metazerkarien) 7. Wild nimmt Metazerkarien beim Äsen auf 8. Junge Egel wandern durch die Darmwand in die Leber
Organveränderungen: Verdickte, verhärtete Gallengänge (Gallengangsfibrose), weißliche, kalkige Ablagerungen, Leber vergrößert und fleckig
Kleiner Leberegel (Dicrocoelium dendriticum)
Größe: 0,5-1 cm, lanzettförmig Betroffene Wildarten: Wie großer Leberegel, besonders häufig beim Rehwild Zwischenwirte: ZWEI Zwischenwirte nötig! 1. Zwischenwirt: Landlungenschnecke (Trockenbiotop!) 2. Zwischenwirt: Ameise (Verhaltensänderung: Ameise klammert sich an Grashalm fest)
[Vergleichstabelle: Großer vs. Kleiner Leberegel Merkmal Großer Leberegel Kleiner Leberegel Größe 2-4 cm 0,5-1 cm Form Blattförmig Lanzettförmig 1. Zwischenwirt Zwergschlammschnecke Landlungenschnecke 2. Zwischenwirt Keiner Ameise Biotop Feuchtgebiete, Gräben Trockene Standorte, Magerwiesen Organveränderung Verdickte Gallengänge Ähnlich, meist milder Genusstauglich Leber nein, Wildbret ja Leber nein, Wildbret ja
Genusstauglichkeit: Die befallene Leber ist nicht genusstauglich (verwerfen!). Das übrige Wildbret ist bei alleinigem Leberegel-Befall genusstauglich.
Bandwürmer und Echinokokken
Bandwürmer (Cestoden) sind flache, gegliederte Würmer, die im Darm ihres Endwirtes leben. Ihre Proglottiden (Glieder) sind kürbiskernförmig und werden mit dem Kot ausgeschieden. Für die Jägerprüfung sind vor allem die Echinokokken (Fuchsbandwurm und Hundebandwurm) von größter Bedeutung.
Allgemeiner Bandwurm-Lebenszyklus: 1. Erwachsener Bandwurm im Darm des Endwirtes 2. Reife Proglottiden (kürbiskernförmig) werden mit Kot ausgeschieden 3. Eier werden von einem Zwischenwirt aufgenommen 4. Im Zwischenwirt bilden sich Finnen (Larvenstadien) in verschiedenen Organen 5. Endwirt infiziert sich durch Fressen des finnenhaltigen Zwischenwirtes
Fuchsbandwurm (Echinococcus multilocularis)
Endwirt: Fuchs (Hauptwirt), selten Hund, Katze, Marderhund Zwischenwirte: Wühlmäuse, Feldmäuse und andere Kleinnager Fehlwirt: Mensch (Sackgasse – keine Weiterentwicklung, aber schwere Erkrankung!)
Der Fuchsbandwurm selbst ist nur 1,5-4 mm lang (3-5 Glieder) und lebt im Dünndarm des Fuchses, ohne diesen wesentlich zu beeinträchtigen. Die Gefahr geht von den mikroskopisch kleinen Eiern aus, die mit dem Fuchskot in die Umwelt gelangen.
Infektion des Menschen: • Orale Aufnahme von Eiern über kontaminierte Waldfrüchte (Beeren, Pilze) • Kontakt mit Fuchsfell (Abbalgen ohne Handschuhe!) • Kontakt mit infizierten Hunden oder Katzen (die Mäuse gefressen haben) • Einatmen von Eiern bei Aufwirbelung von kontaminiertem Staub
Beim Menschen bilden sich in der Leber schwammartige Larvenzysten (alveoläre Echinokokkose), die wie ein bösartiger Tumor wachsen und umliegendes Gewebe zerstören. Ohne Behandlung verläuft die Erkrankung tödlich. Die Inkubationszeit beträgt 5-15 Jahre!
Hundebandwurm (Echinococcus granulosus)
Endwirt: Hund, Wolf Zwischenwirte: Wiederkäuer (auch Schalenwild), Schwarzwild Fehlwirt: Mensch
Beim Menschen bilden sich große, einzelne Zysten (zystische Echinokokkose), meist in der Leber, die operativ entfernt werden können. Weniger gefährlich als der Fuchsbandwurm, aber ebenfalls ernst.
[Vergleichstabelle: Fuchsbandwurm vs. Hundebandwurm Merkmal Fuchsbandwurm Hundebandwurm Wissenschaftl. Name Echinococcus multilocularis Echinococcus granulosus Größe 1,5-4 mm 3-6 mm Endwirt Fuchs, Marderhund Hund, Wolf Zwischenwirt Wühlmäuse, Feldmäuse Wiederkäuer, Schwarzwild Erkrankung Mensch Alveoläre Echinokokkose Zystische Echinokokkose Gefährlichkeit Sehr hoch (tödlich ohne Therapie) Hoch (operabel) Wachstum Schwammartig, infiltrierend Einzelne große Zysten Inkubationszeit 5-15 Jahre Monate bis Jahre
Erreger: Trichinella spiralis (Fadenwurm/Nematode) Betroffene Wildarten: Schwarzwild (Hauptwirt beim Wild!), Dachs, Fuchs, Marderhund, Waschbär, Nutria Übertragung: Ausschließlich über den Verzehr von trichinellenhaltigem, rohem oder unzureichend erhitztem Fleisch Status: Meldepflichtig, gefährliche Zoonose
Lebenszyklus der Trichinen: 1. Aufnahme von Trichinenlarven mit rohem Fleisch (in Muskelzellen eingekapselt) 2. Im Magen: Verdauungssäfte lösen die Kapsel auf, Larven werden frei 3. Larven entwickeln sich im Dünndarm innerhalb von 2-3 Tagen zu geschlechtsreifen Würmern 4. Befruchtete Weibchen bohren sich in die Darmwand und setzen lebende Larven ab (vivpar!) 5. Larven gelangen über Blut und Lymphe in die quergestreifte Muskulatur 6. In der Muskulatur kapseln sich die Larven ein (Trichinen-Kapsel) 7. Eingekapselte Larven bleiben jahrelang infektiös 8. Zyklus schließt sich, wenn ein anderes Tier infiziertes Fleisch frisst
Symptome beim Menschen (Trichinellose): • Phase 1 (Darmphase, 1-7 Tage): Durchfall, Bauchschmerzen, Übelkeit • Phase 2 (Muskelwanderung, 1-6 Wochen): Hohes Fieber, Muskelschmerzen, Gesichtsschwellung (besonders Augenlider!), Herzmuskelentzündung möglich • Phase 3 (Einkapselung): Muskelverhärtung, chronische Schmerzen • In schweren Fällen tödlich!
Probenentnahme für die Trichinenschau: • Bevorzugte Entnahmestellen nach DVO (EU) 2015/1375 Anhang I: Zwerchfellpfeiler (Crus diaphragmatis), ersatzweise Unterarm, Zungenwurzel, Kaumuskulatur • Amtliche Mindestmenge: 1 g je Tier (Magnetrührer-Verdauungsmethode); in der Praxis ca. 5–10 g haselnussgroß je Entnahmestelle • Probe muss eindeutig dem Tierkörper zugeordnet werden können (Markierung!) • Aufbewahrung: gekühlt, nicht eingefroren (Einfrieren kann Trichinen nicht sicher abtöten!)
Abtötung von Trichinen: • Erhitzen auf mindestens 72°C Kerntemperatur (sicher!) • Einfrieren: Nicht zuverlässig bei allen Trichinella-Arten! T. britovi und T. nativa sind kälteresistent • Pökeln und Räuchern: NICHT ausreichend zur Abtötung! • Genusstauglichkeit: Bei Trichinenfund ist das gesamte Tier nicht genusstauglich und muss unschädlich beseitigt werden
Magen- und Darmwürmer
Verschiedene Fadenwürmer (Nematoden) parasitieren im Magen-Darm-Trakt des Wildes
- Großer Magenwurm (Haemonchus contortus): Bis 3 cm, blutsaugend, besonders beim Muffelwild
- Kleiner Magenwurm (Ostertagia spp.): Beim Rehwild häufig
- Darmwürmer verschiedener Arten: Beim Schalenwild weit verbreitet
Symptome: Durchfall, Abmagerung, struppiges Fell, Blutarmut bei starkem Befall Genusstauglichkeit: Magen/Darm verwerfen, Wildbret bei alleinigem Befall genusstauglich
Lungenwürmer
Man unterscheidet den Großen und den Kleinen Lungenwurm
Großer Lungenwurm (Dictyocaulus spp.): • Größe: 3-8 cm • Direkter Lebenszyklus (kein Zwischenwirt nötig!) • Betroffene Wildarten: Rotwild, Rehwild, Damwild • Parasitiert in den großen Bronchien • Symptome: Husten, Nasenausfluss, Atemnot
Kleiner Lungenwurm (Protostrongylus spp., Muellerius spp.): • Größe: 1-3 cm • Indirekter Lebenszyklus (Zwischenwirt: Schnecke!) • Betroffene Wildarten: Gamswild, Steinwild, Muffelwild, Rehwild • Parasitiert im Lungengewebe • Bildet wurmknötchenartige Veränderungen im Lungengewebe
[Vergleichstabelle: Großer vs. Kleiner Lungenwurm Merkmal Großer Lungenwurm Kleiner Lungenwurm Größe 3-8 cm 1-3 cm Zwischenwirt Keiner (direkt) Schnecke Lokalisation Große Bronchien Lungengewebe Betroffene Arten Rotwild, Rehwild Gamswild, Steinwild, Muffelwild Symptome Husten, Nasenausfluss Wurmknötchen in Lunge Genusstauglich Lunge verwerfen, Rest ja Lunge verwerfen, Rest ja
Kokzidien
Erreger: Eimeria spp. (Einzeller/Protozoen) Betroffene Wildarten: Wildkaninchen, Feldhase, Rehwild, Federwild (besonders Fasane) Übertragung: Orale Aufnahme von Oozysten (sporulierten Dauerformen) aus kontaminiertem Boden
Symptome: • Besonders bei Jungtieren: schwerer Durchfall, oft blutig • Abmagerung, Austrocknung • Bei Kaninchenbefall: Auch Leberkokzidiose mit weißlichen Knötchen in der Leber • Hohe Sterblichkeit bei Jungtieren
Genusstauglichkeit: Bei starkem Befall mit Abmagerung nicht genusstauglich. Befallene Organe verwerfen.
Hautdasseln (Hautbremsen)
Erreger: Hypoderma diana (Rehwild), Hypoderma actaeon (Rotwild) Betroffene Wildarten: Rehwild (Hauptwirt!), Rotwild
Lebenszyklus: 1. Dasselfliege legt Eier am Fell des Wildes ab (Mai-Juli) 2. Larven schlüpfen und bohren sich durch die Haut 3. Larven wandern monatelang durch den Körper (Unterhaut) 4. Im Spätwinter/Frühjahr sammeln sich die Larven unter der Rückenhaut 5. Reife Larven (Engerlinge) durchbrechen die Haut (Dasselbeulen!) und fallen zu Boden 6. Verpuppung im Boden, nach 4-6 Wochen schlüpft die Dasselfliege
Symptome: • Dasselbeulen (haselnuss- bis walnussgroße Schwellungen) unter der Rückenhaut • Beim Aufbrechen: Gelblich-grüne Larven (Engerlinge) in der Unterhaut sichtbar • Löcher in der Decke durch ausgewanderte Larven
Genusstauglichkeit: Befallene Hautstellen großzügig entfernen. Das übrige Wildbret ist genusstauglich.
[Bild: /images/abbildungen/sg2/trichinenuntersuchung_schema.png Trichinenschau Trichinenuntersuchung Schema Innenparasiten: Probenentnahme, Zwerchfellpfeiler, Vorderlauf, Trichinella, Schwarzwild, Wildschwein, Bär, Dachs, Parasiten, Schmarotzer, Lungenwurm, Dasselbeule, Bandwurm, Labor, amtliche Fleischuntersuchung, Trichinen, Nachweis, Muskulatur
Typische Prüfungsfragen
- Was sind Trichinen und warum ist die Trichinenschau Pflicht?
- Welche Proben werden für die Trichinenschau entnommen?
- Bei welcher Temperatur werden Trichinen sicher abgetötet?
- Beschreiben Sie den Lebenszyklus des Großen Leberegels.
- Was unterscheidet den Großen vom Kleinen Leberegel?
- Warum ist der Fuchsbandwurm für den Menschen so gefährlich?
- Was sind Dasselbeulen und bei welcher Wildart treten sie auf?
- Wie sehen Bandwurmglieder (Proglottiden) aus?
- Nennen Sie den Unterschied zwischen Großem und Kleinem Lungenwurm.
Häufige Fehler und Stolperfallen
- Einfrieren als sichere Trichinen-Abtötung angeben: Nur Erhitzen auf 72°C ist bei allen Trichinella-Arten sicher!
- Zwischenwirte der Leberegel verwechseln: Groß = Wasserschnecke (feucht), Klein = Landlungenschnecke + Ameise (trocken)
- Fuchsbandwurm übersehen: Der Wurm ist nur 1,5-4 mm klein und im Fuchsdarm kaum sichtbar – die Gefahr geht von den Eiern aus
- Trichinenschau vergessen: Ohne negative Trichinenschau darf Schwarzwild-Fleisch NICHT abgegeben werden
- Hautdasseln als gesundheitsschädlich für den Verbraucher einstufen: Befallene Stellen entfernen, Rest ist genusstauglich
- Kokzidien nur beim Kaninchen kennen: Auch Rehwild und Federwild sind betroffen
- Lungenwürmer: Großer braucht keinen Zwischenwirt (direkt), Kleiner braucht eine Schnecke (indirekt)
Merkhilfe Zwischenwirte: • Großer Leberegel: "Große WASSER-Schnecke" (feucht) • Kleiner Leberegel: "Kleine LAND-Schnecke + Ameise" (trocken) • Großer Lungenwurm: "Groß und direkt – ohne Umweg" (kein ZW) • Kleiner Lungenwurm: "Klein, braucht Hilfe – Schnecke" (mit ZW)