Wildkrankheiten
Bedenkliche Merkmale
Die Erkennung bedenklicher Merkmale ist eine der wichtigsten praktischen Fähigkeiten des Jägers. Jeder Jäger, der Wild in den Verkehr bringt, ist als kundige…
Die Erkennung bedenklicher Merkmale ist eine der wichtigsten praktischen Fähigkeiten des Jägers. Jeder Jäger, der Wild in den Verkehr bringt, ist als kundige Person im Sinne der EU-VO 853/2004 Anhang III Abschnitt IV Kapitel II und Tier-LMHV § 4 dafür verantwortlich, das erlegte Wild auf bedenkliche Merkmale zu untersuchen. Die Sachkunde wird grundsätzlich durch die bestandene Jägerprüfung vermittelt; ein ggf. zusätzlich geforderter Sachkunde-/Schulungsnachweis richtet sich nach den Vorgaben der zuständigen Behörde. Die gesetzliche Grundlage bildet die Tier-LMHV (Tierische Lebensmittel-Hygieneverordnung) Anlage 4, die 13 Kategorien bedenklicher Merkmale definiert. Werden bedenkliche Merkmale festgestellt, muss das Wild einer amtlichen Fleischuntersuchung zugeführt oder unschädlich beseitigt werden. Dieses Kapitel behandelt alle 13 Kategorien systematisch und praxisnah.
Die 13 Kategorien bedenklicher Merkmale (Tier-LMHV Anlage 4) 1. Abnormes Verhalten oder Störung des Allgemeinbefindens vor dem Erlegen 2. Fehlen von Anzeichen äußerer Gewalteinwirkung als Todesursache (Fallwild) 3. Geschwülste oder Abszesse, wenn sie zahlreich oder verteilt in inneren Organen oder in der Muskulatur vorkommen 4. Schwellung der Gelenke oder Hoden, Leber- oder Milzschwellung, Darm- oder Nabelentzündung 5. Fremder Geruch des Tierkörpers 6. Gasbildung im Magen-Darm-Kanal mit Verfärbung der inneren Organe 7. Erhebliche Abweichungen der Muskulatur oder der Organe in Farbe, Konsistenz oder Geruch 8. Offene Knochenbrüche, sofern sie nicht unmittelbar im Zusammenhang mit dem Erlegen stehen 9. Hochgradige Abmagerung 10. Frische Verklebungen oder Verwachsungen von Organen mit Brust- oder Bauchfell 11. Sonstige erhebliche Veränderungen (z. B. Verfärbungen, Fäulnis, Parasiten) 12. Rückstände oder Kontaminanten (Umweltgifte) 13. Nicht ordnungsgemäße Behandlung nach dem Erlegen (Verhitzung!)
Beurteilung VOR dem Schuss
Schon vor dem Schuss kann und muss der Jäger den Gesundheitszustand des Wildes einschätzen. Ein erfahrener Jäger erkennt krankes Wild an folgenden Anzeichen:
Verhaltensauffälligkeiten: • Verlust der natürlichen Scheu (Tollwut-Verdacht!) • Absonderung von der Gruppe/dem Rudel • Taumelnder, unsicherer Gang • Kreisbewegungen, Kopfverdrehen (ZNS-Störungen) • Apathie, Teilnahmslosigkeit • Übermäßiges Kratzen und Scheuern (Räude, Parasitenbefall) • Lahmheit, Schonung einzelner Läufe
Ernährungszustand: • Sichtbare Abmagerung (hervorstehende Knochen, eingefallene Flanken) • Struppiges, glanzloses Fell • Nicht dem Jahreszeitbild entsprechendes Haarkleid (verspäteter Haarwechsel)
Äußere Krankheitsanzeichen: • Nasen- oder Augenausfluss (eitrig, blutig) • Durchfall (verschmutzter Spiegel beim Rehwild) • Geschwüre, Schwellungen am Haupt oder Körper • Haarlose Stellen, krustige Veränderungen (Räude) • Verformte Klauen (Moderhinke) • Schwellungen am Kopf (Myxomatose beim Kaninchen)
[Bild: /images/abbildungen/sg2/bedenkliche_merkmale_wildbret.png Bedenkliche Merkmale krankes Wild gesundes Wild Wildbret Beurteilung Fleischuntersuchung: äußere Anzeichen, Organveränderung, struppiges Fell, eingefallene Flanken, apathisch, krank, Konfiszierung, kundiger Jäger, Tauglichkeit, Genussuntauglichkeit, Seuche, Parasiten, Weidwundfieber, Notstand, Verworfenes
Beurteilung NACH dem Schuss – Äußere Merkmale
Nach dem Erlegen und vor dem Aufbrechen wird das Wild zunächst äußerlich begutachtet
Unsauberer Schuss: • Waidwundschuss (Pansen-/Darmtreffer): Grünlich-bräunliche Verunreinigung der Bauchhöhle, saurer/fauliger Geruch • Keulenstand (Laufschuss): Erhöhte Gefahr einer bakteriellen Kontamination • Länger nachgesuchtes Wild: Erhöhte Keimbelastung, Gefahr der Verhitzung
Geschwülste und Schwellungen: • Einzelne, abgekapselte Geschwülste: Großzügig entfernen, Rest ggf. genusstauglich • Zahlreiche oder in mehreren Organen verteilte Geschwülste: Bedenkliches Merkmal! • Abszesse (eitergefüllte Kapseln): Bei einzelnem, lokalen Abszess bedingt verwertbar
Verhitzung: • Entsteht durch verzögertes Aufbrechen, warme Witterung oder dickes Fell • Kerntemperatur des Wildbrets steigt an, Fäulnisbakterien vermehren sich • Erkennbar an: Süßlich-fauligem Geruch, grünlich-bräunlicher Verfärbung, schmierige Oberfläche • Besonders gefährdet: Schwarzwild (dicke Schwarte), Rotwild im Winterfell, Stücke mit Waidwundschuss • Faustregel: Schalenwild sollte innerhalb von 2 Stunden aufgebrochen werden
Abmagerung: • Hochgradige Abmagerung ist ein bedenkliches Merkmal • Erkennbar an: Sichtbaren Knochen (Rippen, Becken, Wirbelsäule), fehlendem Nierenfett, gallertiger Beschaffenheit des restlichen Fettgewebes • Gallertiges Fett ist ein besonders deutliches Anzeichen und zeigt Auszehrung an • Ursachen: Chronische Krankheiten, massiver Parasitenbefall, Zahnprobleme bei altem Wild
Geruch: • Normaler Wildgeruch (arttypisch) ist kein bedenkliches Merkmal • Bedenklich: Fauliger, süßlicher, urinartiger, medikamentöser oder chemischer Geruch • Brunftgeruch beim Keiler: Verdickung des Schildes, aber kein bedenkliches Merkmal im eigentlichen Sinne (Wildbret kann penetrant riechen)
[Vergleichstabelle: Äußere bedenkliche Merkmale Merkmal Erkennung Ursache Konsequenz Geschwülste verteilt Multiple Schwellungen Tumor, Abszesse, Tuberkulose Amtliche Untersuchung Abmagerung Sichtbare Knochen, gallertiges Fett Parasiten, chron. Krankheit Amtliche Untersuchung Verhitzung Süßlicher Geruch, grüne Verfärbung Verzögertes Aufbrechen Unschädliche Beseitigung Fremder Geruch Faulig, chemisch, medikamentös Vergiftung, Verderb, Medikamente Amtl. Untersuchung od. Beseitigung Haarausfall/Räude Kahle Stellen, Krusten Grabmilben Je nach Schweregrad Knochenbrüche (alt) Verheilte oder entzündete Brüche Unfall, Schuss Amtliche Untersuchung
Beurteilung NACH dem Schuss – Innere Merkmale
Nach dem Aufbrechen erfolgt die Beurteilung der inneren Organe. Der Jäger muss den Zustand der Organe systematisch beurteilen:
Organveränderungen: • Leber: Verfärbungen (gelblich, fleckig), Schwellung, Knötchen (Egel, Tuberkulose), brüchige Konsistenz • Milz: Vergrößerung und dunkle Verfärbung (Milzbrand!, Tularämie), breiige Konsistenz • Nieren: Petechien (punktförmige Blutungen = "Truthahnniere" bei Schweinepest), Schwellung, Verfärbung • Lunge: Wurmknötchen (Lungenwürmer), Verwachsungen mit dem Brustfell, Abszesse, Verfärbungen • Darm: Entzündungen, Blutungen, Parasiten (Würmer sichtbar) • Lymphknoten: Vergrößerung, Verfärbung, verkäste Herde (Tuberkulose!)
[Vergleichstabelle: Gesunde vs. veränderte Organe Organ Gesunder Zustand Bedenkliche Veränderungen Mögliche Ursache Leber Glatt, glänzend, rotbraun, elastisch Knötchen, Flecken, brüchig, vergrößert Leberegel, Tuberkulose, Kokzidien Milz Dunkelrot, fest, glatt Stark vergrößert, breiig, schwarz Milzbrand, Tularämie, Sepsis Nieren Bohnenförmig, glatt, rotbraun Petechien, geschwollen, verfärbt Schweinepest, Leptospirose Lunge Rosa, elastisch, schwammartig Knötchen, verwachsen, verfärbt Lungenwürmer, Tuberkulose Lymphknoten Klein, grau-weiß, fest Vergrößert, verkäst, eitrig Tuberkulose, Pseudotuberkulose
Verfärbungen und ihre Bedeutung: • Gelbliche Verfärbung der Organe und des Bindegewebes: Ikterus (Gelbsucht) – Hinweis auf Lebererkrankung • Grünliche Verfärbung: Galleaustritt oder beginnende Fäulnis • Bläulich-rote Verfärbungen: Kreislaufversagen, Stauungsblutungen • Schwarze Verfärbung der Milz: Milzbrand-Verdacht! • Punktförmige Blutungen (Petechien): Schweinepest, Sepsis
Gasbildung: • Gas im Magen-Darm-Trakt mit Verfärbung der Organe ist ein bedenkliches Merkmal • Aufgetriebener Pansen oder Darm • Kann durch Fäulnis (verzögertes Aufbrechen) oder durch gasbildende Bakterien (z. B. Milzbrand, Clostridien) entstehen • Wildbrethygienisch besonders kritisch bei Schwarzwild
Gesunde Organe erkennen
Um Abweichungen zu erkennen, muss der Jäger den normalen Zustand der Organe kennen
- Leber: Glatt, glänzend, rotbraun, scharfrandig, elastisch, keine Knötchen oder Flecken
- Milz: Dunkelrot, fest, glatte Oberfläche, nicht vergrößert
- Nieren: Bohnenförmig, glatt, rotbraun, von Nierenfett umgeben (guter Ernährungszustand!)
- Lunge: Zart rosa, elastisch, schwammartig, frei von Verwachsungen und Knötchen
- Herz: Kegelförmig, fest, dunkelrot, keine Verwachsungen mit dem Herzbeutel
- Lymphknoten: Klein, grau-weiß, fest, homogen auf der Schnittfläche
Konsequenzen bei bedenklichen Merkmalen
Werden bedenkliche Merkmale festgestellt, gibt es zwei mögliche Wege
1. Amtliche Fleischuntersuchung: • Durch den amtlichen Tierarzt (Veterinäramt) • Erforderlich bei: Verdacht auf Tierseuche, Parasitenbefall, Organveränderungen, Verhaltensauffälligkeiten • Der Tierkörper wird im Ganzen mit allen Organen vorgelegt • Nach der Untersuchung: Genusstauglich, bedingt genusstauglich oder untauglich
2. Unschädliche Beseitigung: • Über die Tierkörperbeseitigungsanstalt (TBA) • Erforderlich bei: Offensichtlicher Untauglichkeit, Seuchenverdacht, fortgeschrittenem Verderb • Darf NICHT im Revier vergraben oder liegen gelassen werden • Kosten trägt in der Regel der Jagdausübungsberechtigte
[Vergleichstabelle: Entscheidungsbaum bedenkliche Merkmale Situation Maßnahme Ergebnis Keine bedenklichen Merkmale Direktvermarktung möglich "Kundige Person" bestätigt Tauglichkeit Einzelner lokaler Befund Amtliche Fleischuntersuchung Tierarzt entscheidet über Tauglichkeit Verdacht auf Tierseuche Amtl. Untersuchung + Meldung Tierarzt + Veterinäramt Offensichtlich untauglich Unschädliche Beseitigung (TBA) Tierkörperbeseitigungsanstalt Verhitzung/Verderb Unschädliche Beseitigung Nicht verwertbar Trichinenfund Unschädliche Beseitigung Gesamtes Tier untauglich
Typische Prüfungsfragen
- Nennen Sie mindestens sechs der 13 Kategorien bedenklicher Merkmale nach Tier-LMHV Anlage 4.
- Woran erkennen Sie Verhitzung beim Wildbret?
- Was bedeutet "gallertiges Fett" und was sagt es aus?
- Was ist der Unterschied zwischen amtlicher Fleischuntersuchung und unschädlicher Beseitigung?
- Wie sieht eine gesunde Leber aus und welche Veränderungen wären bedenklich?
- Woran erkennen Sie vor dem Schuss ein möglicherweise krankes Stück Wild?
- Was tun Sie, wenn beim Aufbrechen vergrößerte, verfärbte Lymphknoten auffallen?
- Was versteht man unter Petechien und bei welcher Krankheit treten sie typisch auf?
Häufige Fehler und Stolperfallen
- Bedenkliche Merkmale ignorieren: "Das wird schon passen" ist keine akzeptable Haltung! Im Zweifel IMMER amtlich untersuchen lassen.
- Brunftgeruch beim Keiler als bedenkliches Merkmal werten: Brunftgeruch ist unangenehm, aber kein Krankheitszeichen.
- Verhitzung nicht erkennen: Besonders bei Nachsuchen und Drückjagden wird die Zeit bis zum Aufbrechen unterschätzt.
- Gallertiges Fett übersehen: Dieses eindeutige Zeichen der Auszehrung wird oft nicht als bedenklich erkannt.
- Organe nicht systematisch prüfen: Jedes Organ muss einzeln begutachtet werden – Leber, Milz, Nieren, Lunge, Lymphknoten.
- Gesunde Organe nicht kennen: Wer den Normalzustand nicht kennt, kann Abweichungen nicht erkennen.
- Konsequenzen nicht kennen: Viele Prüflinge wissen nicht, dass bei bedenklichen Merkmalen eine amtliche Untersuchung Pflicht ist und das Wild nicht einfach entsorgt werden darf.
Merkhilfe für die Organbeurteilung: • Leber: "GLatt, GLänzend, rOtbraun" – drei Eigenschaften einer gesunden Leber • Milz: "DunkelRot und Fest" – wie eine reife Pflaume • Nierenfett: "Weiß und Fest = Wild ist best" – gallertiges Fett = bedenklich!