Wildbiologie & Wildkunde
Schwarzwild
Das Schwarzwild (Sus scrofa), auch Wildschwein genannt, gehört zur Familie der Echten Schweine und ist die einzige wildlebende Schweineart Deutschlands. Es i…
[Bild: /images/wildarten/schwarzwild.png Schwarzwild im Lebensraum h:580
Das Schwarzwild (Sus scrofa), auch Wildschwein genannt, gehört zur Familie der Echten Schweine und ist die einzige wildlebende Schweineart Deutschlands. Es ist kein Wiederkäuer, zählt jagdrechtlich aber zum Schalenwild. Durch hohe Anpassungsfähigkeit, große Vermehrungsleistung und seine Bedeutung für Landwirtschaft, Seuchenhygiene und Verkehrssicherheit gehört Schwarzwild zu den wichtigsten Prüfungsthemen im Jagdschein.
Systematik und Einordnung
- Ordnung: Paarhufer (Artiodactyla)
- Teilgruppe: Schweineartige (Suina)
- Familie: Echte Schweine (Suidae)
- Gattung: Sus
- Art: Wildschwein bzw. Schwarzwild (Sus scrofa)
- Jagdliche Einordnung: Schalenwild
- Es ist das einzige wildlebende Schwein in Deutschland
- Das Hausschwein stammt vom Wildschwein ab
Altersklassen und Jagdjahr
Beim Schwarzwild muss man in der Prüfung oft zwischen biologischem Alter und rechtlicher Einordnung nach dem Jagdjahr unterscheiden. Das ist wichtig, weil Frischling und Überläufer in der Praxis und in Prüfungsfragen je nach Zusammenhang unterschiedlich eingeordnet werden können.
- Biologisch ist der Frischling das Stück Schwarzwild im ersten Lebensjahr
- Biologisch ist der Überläufer das Stück Schwarzwild im zweiten Lebensjahr
- Die jagdrechtliche Einteilung kann sich am Jagdjahr orientieren und deshalb von der rein biologischen Betrachtung abweichen
- Für Prüfungsfragen muss immer genau erkannt werden, ob nach biologischem Alter oder nach dem Jagdjahr gefragt wird
Körperbau und Merkmale
- Schulterhöhe: meist etwa 70 bis 100 cm
- Gewicht: regional sehr unterschiedlich; Bachen häufig deutlich leichter als starke Keiler
- Körperbau: gedrungen, massig und auf kurzen kräftigen Läufen
- Haupt: keilförmig und langgestreckt
- Rüssel: kräftig und sehr beweglich; wichtig zum Brechen des Bodens
- Pürzel: eher kurz, bei Erregung oft aufgerichtet oder geringelt
- Frischlinge tragen ein längsgestreiftes Tarnkleid
- Ältere Keiler wirken im Vorderkörper meist deutlich massiger als Bachen
Die Schwarte
Die Haut des Schwarzwildes heißt jagdlich Schwarte. Das Haarkleid besteht aus derben Borsten und feiner Unterwolle. Im Winter ist die Schwarte deutlich dichter und dunkler, weshalb der Name Schwarzwild entstanden ist.
- Sommerhaarkleid: meist kürzer und braun bis braunschwarz
- Winterhaarkleid: dichter, länger und insgesamt dunkler
- Frischlingsstreifen dienen der Tarnung und verschwinden meist nach 4 bis 6 Monaten
- Ältere Keiler entwickeln im Schulterbereich ein Schild aus derbem Bindegewebe als Schutz bei Kämpfen
- Suhlen dient vor allem der Abkühlung und der Parasitenabwehr
- Malen am Malbaum ist ein typisches Scheuerverhalten
Körperteile des Schwarzwildes
- Weidsack: Magen des Schwarzwildes
- Weißes: Fett des Schwarzwildes
- Rauschknospe: äußeres weibliches Geschlechtsmerkmal der Bache
- Federn: längere Borsten auf dem Rücken
- Gebrech oder Rüssel: Schnauzenbereich des Schwarzwildes
- Teller: Ohren
- Pürzel: Schwanz
[Bild: https://ibfhfxobisazdywjqxka.supabase.co/storage/v1/object/public/bilder/abbildungen/sg1/schwarzwild-koerperteile-v1.png Schwarzwild mit markierten Körperteilen auf weißem Hintergrund.
Gebiss und Zähne
Schwarzwild besitzt als Allesfresser ein deutlich vollständigeres Gebiss als das wiederkäuende Schalenwild. Gerade dieser Unterschied ist für die Prüfung sehr wichtig.
- Im Oberkiefer stehen vorne Schneidezähne; eine Kauplatte wie bei Wiederkäuern fehlt
- Schneidezähne, Eckzähne und Backenzähne sind im Allesfressergebiss funktionell unterschiedlich ausgebildet
- Die Vorderzähne dienen dem Abbeißen und Erfassen der Nahrung
- Die Backenzähne zermahlen pflanzliche und tierische Nahrung
- Das Milchgebiss umfasst 28 Zähne, das Dauergebiss 44 Zähne
- Der Zahnwechsel beginnt beim Schwarzwild in der Regel mit etwa 12 Monaten
- M1, M2 und M3 schieben als hintere Backenzähne ungefähr mit 6, 12 und 24 Monaten
- Das Dauergebiss ist beim Schwarzwild in der Regel nach 24 Monaten vollständig entwickelt
- Unterkiefer und Zahnwechsel spielen bei Altersansprache und Beurteilung eine praktische Rolle
- Nach Abschluss des Zahnwechsels ist die Altersschätzung deutlich ungenauer als in den ersten beiden Lebensjahren
[Vergleichstabelle: Gebiss und Altersansprache beim Schwarzwild Alter Typische Gebissmerkmale Prüfungsnutzen Früher Frischling Milchgebiss mit 28 Zähnen junge Altersklasse gut erkennbar Um 12 Monate Beginn des Zahnwechsels, M2 vorhanden wichtige Grenze zum Überläufer Um 24 Monate Dauergebiss vollständig entwickelt, M3 geschoben danach Altersansprache deutlich schwieriger
[Bild: https://ibfhfxobisazdywjqxka.supabase.co/storage/v1/object/public/bilder/abbildungen/sg1/schwarzwild-gebiss-v1.png Schematische Abbildung des Schwarzwild-Gebisses mit Schneidezähnen, Eckzähnen, Backenzähnen sowie Vergleich von Keilergewähr und Bachenhaken. h:430
Das Gewaff – Die Eckzähne des Schwarzwilds
Die vergrößerten Eckzähne des Keilers heißen jagdlich Gewaff und sind ein zentrales Prüfungsthema. Sie dienen als Waffen, imponieren bei Rangkämpfen und werden zugleich als Trophäe bewertet.
- Unterkiefer: Gewehre oder Hauer
- Oberkiefer: Haderer
- Zusammen bilden sie das Gewaff des Keilers
- Durch das ständige Aneinanderschleifen schärfen sich die Zähne selbst
- Von den Gewehren ist nur ein kleiner Teil sichtbar; der größere Teil steckt im Unterkiefer
- Bei der Bache sind die Eckzähne deutlich kleiner und werden Haken genannt
Sinnesorgane
- Der Geruchssinn ist hervorragend und der wichtigste Sinn des Schwarzwildes
- Auch das Gehör ist sehr gut entwickelt
- Das Sehvermögen ist schwächer als Geruch und Gehör
- Der Rüssel ist zugleich ein wichtiges Tastorgan
- Wind und Witterung spielen deshalb bei Pirsch und Ansitz auf Schwarzwild eine besonders große Rolle
Jägersprache beim Schwarzwild
- Keiler: männliches Stück Schwarzwild
- Bache: weibliches Stück Schwarzwild
- Frischling: Stück im ersten Lebensjahr
- Überläufer: Stück im zweiten Lebensjahr
- Überläuferkeiler / Überläuferbache: männliches bzw. weibliches Stück im zweiten Lebensjahr
- Rotte: Familienverband des Schwarzwildes
- Leitbache: führende, erfahrene Bache einer Rotte
- Schwarte: Haut
- Gebrech oder Rüssel: Schnauzenbereich
- Teller: Ohren
- Seher: Augen
- Pürzel: Schwanz
- Gewaff: Eckzähne des Keilers
- Gewehre oder Hauer: untere Eckzähne
- Haderer: obere Eckzähne
- Haken: kleinere Eckzähne der Bache
- Kessel oder Wurfkessel: Nest der Bache zur Geburt und Führung kleiner Frischlinge
- Brechen: Boden mit dem Rüssel aufwühlen
- Suhle: Schlammbad des Schwarzwildes
Ernährung
Schwarzwild ist ein Allesfresser. Genau diese breite Nahrungsbasis erklärt die enorme Anpassungsfähigkeit dieser Art.
- Wurzeln, Knollen und grüne Pflanzenteile
- Gräser, Kräuter und Waldfrüchte
- Eicheln, Bucheckern und andere Mastfrüchte
- Mais, Getreide, Kartoffeln und andere Feldfrüchte
- Insekten, Würmer, Schnecken und andere wirbellose Tiere
- Eier, kleine Wirbeltiere und Aas
Sozialstruktur und die Rotte
Schwarzwild lebt sozial. Die typische Sozialform ist die Rotte. Erwachsene Keiler leben außerhalb der Rauschzeit dagegen meist einzeln.
- Eine Rotte besteht vor allem aus Bachen, Frischlingen und Überläufern
- Geführt wird sie meist von einer erfahrenen Leitbache
- Die Leitbache bestimmt häufig Wechsel, Einstand und Fluchtverhalten
- Erwachsene Keiler leben außerhalb der Rauschzeit meist als Einzelgänger
- Vor der Geburt sondert sich die Bache von der Rotte ab und baut einen Wurfkessel
- In den ersten Tagen nach der Geburt verteidigt die Bache ihre Frischlinge sehr entschlossen
- Überläuferkeiler sondern sich häufig mit etwa 18 Monaten von der Rotte ab
- Das typische Warnsignal der Bache ist das Blasen
Fortpflanzung
- Hauptrauschzeit: meist November bis Januar
- Tragzeit: etwa 3 Monate, 3 Wochen, 3 Tage
- Hauptwurfzeit: häufig Spätwinter und Frühjahr
- Bei sehr günstiger Ernährung können Rausch- und Wurfzeiten heute nahezu ganzjährig auftreten
- Ein Wurf umfasst oft mehrere Frischlinge; große Würfe sind nicht selten
- Frischlingsbachen können unter günstigen Bedingungen bereits früh geschlechtsreif werden
- Die Säugezeit dauert ungefähr bis 4 Monate
Altersklassen und Ansprechen
Sicheres Ansprechen ist beim Schwarzwild jagdlich besonders wichtig. Vor allem die Rottenstruktur und der Schutz führender Bachen müssen beachtet werden.
[Vergleichstabelle: Altersklassen des Schwarzwildes Klasse Jagdliche Bezeichnung Merkmale 1. Lebensjahr Frischling gestreiftes oder später einfarbig braunes Jugendkleid; insgesamt klein und rundlich 2. Lebensjahr Überläufer deutlich stärker als Frischling, aber noch nicht voll ausgewachsen ab dem 3. Lebensjahr Keiler oder Bache ausgewachsen; Keiler meist stärker im Vorderkörper, Bachen in Rottenstruktur eingebunden
- Frischlinge sind im ersten Lebensjahr und anfangs deutlich gestreift
- Überläufer stehen im zweiten Lebensjahr
- Alte Keiler wirken meist hochvorderständig, massig und haben ein starkes Haupt
- Bei Bachen können Gesäuge und Verhalten in der Rotte wichtige Ansprechmerkmale sein
- Führende Bachen sind besonders zu schonen
- Starke, bereits einfarbig braune Frischlinge sind nicht mehr in jedem Fall auf die unmittelbare Führung der Bache angewiesen
[Bild: /images/wildarten/schwarzwild_quiz.png Schwarzwild mit typischen Merkmalen für Ansprache und Rottenstruktur h:560
Lebensraum und Verbreitung
- Schwarzwild ist heute in Deutschland nahezu flächendeckend verbreitet
- Bevorzugt werden deckungsreiche Wälder mit Wasser, Suhlen und nahegelegenen Äsungsflächen
- Sehr gern genutzt werden strukturreiche Laub- und Mischwälder mit Mastfrüchten
- Feldreviere mit Mais, Getreide und anderen energiereichen Kulturen begünstigen hohe Bestände
- Auch stadtrandnahe und stark vom Menschen geprägte Lebensräume werden genutzt
- In NRW ist Schwarzwild weit verbreitet
Wildschäden
- Besonders bedeutend sind Schäden an Mais, Getreide, Grünland und anderen landwirtschaftlichen Kulturen
- Typisch sind Wühlschäden durch Brechen sowie Trittschäden
- Auch an Forstkulturen und an empfindlichen Lebensräumen können erhebliche Schäden entstehen
- Dazu kommen hohe Risiken im Straßenverkehr
- Mastjahre, milde Winter und energiereiche Feldfrüchte können Schwarzwildbestände stark begünstigen
Afrikanische Schweinepest (ASP)
Die Afrikanische Schweinepest ist eine schwere, hochansteckende und unheilbare Virusinfektion, die ausschließlich Haus- und Wildschweine befällt. Für Menschen ist sie ungefährlich, für Schweine jedoch fast immer tödlich.
- ASP betrifft nur Haus- und Wildschweine
- Für Menschen ist ASP ungefährlich
- Für Schweine verläuft die Erkrankung fast immer tödlich
- Jäger spielen bei Früherkennung, Beprobung und Biosicherheitsmaßnahmen eine wichtige Rolle
- Besonders wichtig sind Hygiene, Desinfektion und der sorgfältige Umgang mit Aufbruch, Ausrüstung, Fahrzeugen und Kleidung
Jagdliche Bedeutung und Bejagung
- Konkrete Jagdzeiten richten sich nach dem jeweils geltenden Landesrecht
- Schwarzwild ist in NRW nicht abschussplanpflichtig
- Wichtige Jagdarten sind Ansitz, Pirsch und Bewegungsjagd
- Bei jeder Bejagung sind Rottenstruktur und der Schutz führender Bachen zu beachten
- Die Kirrung ist in NRW nur unter engen gesetzlichen Vorgaben zulässig
- Zulässig sind je angefangene 100 Hektar bejagbarer Fläche höchstens eine Kirrstelle und je Kirrstelle höchstens ein Liter Getreide einschließlich Mais
- Das Kirrmittel muss von Hand ausgebracht und so abgedeckt oder eingebracht werden, dass anderes Schalenwild es nicht aufnehmen kann
- Eine Fütterung von Schwarzwild ist in NRW nur unter den engen Voraussetzungen einer festgestellten Notzeit und mit veterinärbehördlicher Genehmigung zulässig
- Schwarzwild ist auf Trichinen zu untersuchen, bevor über das Wildbret verfügt werden darf
Schwarzwild im Vergleich zu Wiederkäuern
[Vergleichstabelle: Schwarzwild vs. Wiederkäuendes Schalenwild Merkmal Schwarzwild Reh / Rotwild / Damwild Verdauung Nichtwiederkäuer Wiederkäuer Gebiss vorne im Oberkiefer Schneidezähne vorhanden Kauplatte statt Schneidezähnen Ernährung Allesfresser Pflanzenfresser Kopfschmuck Gewaff beim Keiler Gehörn, Geweih oder Horn je nach Art Sozialform Rotte, adulte Keiler oft einzeln artabhängig unterschiedlich
Typische Prüfungsfragen
1. Warum gehört Schwarzwild zum Schalenwild, obwohl es kein Wiederkäuer ist? 2. Wie lautet die Merkhilfe für die Tragzeit des Schwarzwildes? 3. Was ist eine Rotte und welche Rolle hat die Leitbache? 4. Wie heißen die Eckzähne des Keilers jagdsprachlich richtig? 5. Woran erkennen Sie Frischling, Überläufer, Keiler und Bache? 6. Wie viele Zähne hat das Milchgebiss und wie viele das Dauergebiss des Schwarzwildes? 7. Wann beginnt beim Schwarzwild der Zahnwechsel und wann ist das Dauergebiss in der Regel vollständig entwickelt? 8. Was ist das Warnsignal der Bache? 9. Was ist die Afrikanische Schweinepest und warum ist sie für Jäger wichtig? 10. Welche jagdrechtlichen Regelungen beim Schwarzwild sind landesrechtlich unterschiedlich?
Häufige Fehler in der Prüfung
- Schwarzwild als Wiederkäuer bezeichnen
- Gewaff, Haderer und Gewehre verwechseln
- Die Leitbache oder führende Bachen nicht ausreichend beachten
- Rauschzeit und Wurfzeit zu starr darstellen, ohne die heutige ganzjährige Verschiebung zu erwähnen
- Frischlinge und Überläufer unsauber ansprechen
- Biologisches Alter und Einteilung nach dem Jagdjahr durcheinanderbringen
- Gebiss des Schwarzwildes wie das eines Wiederkäuers erklären
- Zahnwechselbeginn und vollständiges Dauergebiss nicht sicher beherrschen
- ASP mit einer für Menschen gefährlichen Krankheit verwechseln
- Veraltete oder nicht landesbezogene Jagdzeiten nennen, statt nach dem jeweils geltenden Landesrecht zu antworten