Wildbiologie & Wildkunde
Die Sinne des Wildes
Die Sinnesleistungen des Wildes bestimmen, wie Wild den Jäger wahrnimmt und wie Pirsch, Ansitz, Angehen und Verhalten am Stand geplant werden müssen. Für die…
Die Sinnesleistungen des Wildes bestimmen, wie Wild den Jäger wahrnimmt und wie Pirsch, Ansitz, Angehen und Verhalten am Stand geplant werden müssen. Für die Jägerprüfung reicht nicht die pauschale Aussage „Wild sieht schlecht": Geruch, Gehör, Sehen und Tastsinn sind je nach Wildart sehr unterschiedlich ausgeprägt. Entscheidend ist, daraus praktische Regeln abzuleiten: Wind beachten, Bewegung vermeiden, Geräusche minimieren und Wild nie unterschätzen.
Geruchssinn (Windfang, Nase, Witterung)
Der Geruchssinn ist bei vielen Säugetieren der wichtigste Sinn. Rehwild, Rotwild, Damwild, Fuchs und besonders Schwarzwild nehmen menschliche Witterung sehr zuverlässig wahr. Der Jäger muss deshalb die Windrichtung ständig prüfen. Günstig ist Wind vom Wild zum Jäger; ungünstig ist Wind vom Jäger zum Wild.
- Jagdsprachlich spricht man beim Riechen von Witterung aufnehmen
- Der Windfang ist die Nase des Schalenwildes und vieler anderer Haarwildarten
- Schwarzwild arbeitet beim Brechen und Suchen stark mit Gebrech und Geruchssinn
- Raubwild wie Fuchs, Dachs und Marder nutzt Geruch besonders bei Nahrungssuche, Reviermarkierung und Feinderkennung
- Duftspuren spielen auch bei Fährte, Wechsel, Reviermarkierung und Sozialkontakt eine Rolle
- Starker oder wechselnder Wind kann die Wahrnehmung erschweren, macht den Jäger aber nicht „unsichtbar"
Gehör (Lauscher, Löffel, Teller)
Das Gehör ist bei vielen Wildarten sehr fein und reagiert vor allem auf ungewohnte, harte oder rhythmische Geräusche. Rehwild kann seine Lauscher unabhängig und sehr beweglich ausrichten. Beim Feldhasen heißen die Ohren Löffel; sie vergrößern nicht nur die Hörfläche, sondern helfen auch bei der Feinderkennung im offenen Gelände. Beim Schwarzwild heißen die Ohren jagdsprachlich Teller.
- Lauscher: Ohren des Schalenwildes, zum Beispiel beim Reh oder Rotwild
- Löffel: Ohren des Hasen und Kaninchens
- Teller: Ohren des Schwarzwildes
- Knackende Äste, metallische Geräusche, raschelnde Kleidung und unnatürliche Schrittfolgen fallen Wild schnell auf
- Dauergeräusche wie Wind, Regen oder Bachrauschen können Pirschgeräusche teilweise überdecken
- Am Ansitz sind ruhige Bewegungen oft wichtiger als absolute Lautlosigkeit
Sehsinn (Lichter, Bewegung, Dämmerung)
Der Sehsinn ist nicht bei allen Wildarten gleich zu bewerten. Viele Haarwildarten erkennen Bewegungen sehr gut und haben durch seitlich stehende Lichter ein großes Gesichtsfeld. Die Fähigkeit zur Rot-Grün-Unterscheidung ist bei vielen Säugetieren eingeschränkt; daraus folgt aber nicht, dass Wild schlecht sieht. In der Dämmerung können viele Säugetiere durch eine reflektierende Schicht im Auge, das Tapetum lucidum, Licht besser ausnutzen als der Mensch.
- Lichter: jagdsprachliche Bezeichnung für die Augen
- Seitliche Augenstellung: großes Sehfeld, gute Bewegungswahrnehmung, aber weniger räumliches Sehen nach vorn
- Frontale Augenstellung bei Raubwild: besseres räumliches Sehen für Sprung, Angriff und Beutefang
- Dämmerungsaktive Säugetiere sehen bei wenig Licht oft besser als der Mensch
- Farbwahrnehmung ist artabhängig; Rot- und Grüntöne werden häufig schlechter unterschieden als Blau- und Gelbtöne
- Warnkleidung kann für Wild weniger farbauffällig sein als für den Menschen, Bewegung bleibt aber deutlich erkennbar
Federwild und Greifvögel
Bei Federwild muss der Sehsinn deutlich stärker gewichtet werden als bei vielen Haarwildarten. Greifvögel erkennen Beute aus großer Entfernung, Wasserwild reagiert empfindlich auf Silhouetten, Bewegung und ungewohnte Konturen am Gewässer. Tarnung, ruhige Bewegungen und das Vermeiden auffälliger Umrisse sind deshalb bei der Vogeljagd und bei Beobachtungen besonders wichtig.
- Greifvögel: sehr scharfer Sehsinn, wichtig für Beutefindung und Flugjagd
- Wasserwild: erkennt Bewegung, Silhouetten und Störungen am Gewässer schnell
- Hühnervögel: reagieren stark auf Bodenbewegung und plötzliche Annäherung
- Federwild hört ebenfalls gut, wird in der Praxis aber besonders häufig durch Bewegung und Silhouette aufmerksam
Tastsinn und weitere Sinnesleistungen
Der Tastsinn ist bei einigen Wildarten sehr wichtig, wird in der Prüfung aber oft unterschätzt. Schwarzwild besitzt im Gebrech einen hoch entwickelten Tast- und Geruchssinn und kann damit im Boden nach Nahrung suchen. Viele Haarwildarten nutzen Tasthaare im Äser- oder Schnauzenbereich, um nahe Gegenstände, Vegetation und Nahrung zu erfassen. Geschmack und Geruch wirken bei der Nahrungswahl zusammen.
- Schwarzwild nutzt das Gebrech beim Brechen, Wühlen und Prüfen des Bodens
- Raubwild und Hasenartige besitzen empfindliche Tasthaare im Schnauzenbereich
- Wiederkäuer wählen Äsung nicht zufällig, sondern nach Verdaulichkeit, Nährstoffgehalt und Verfügbarkeit
- Geruch, Geschmack und Erfahrung beeinflussen, ob Wild bestimmte Äsung annimmt oder meidet
Vergleich wichtiger Wildarten
[Vergleichstabelle: Sinnesleistungen ausgewählter Wildarten Wildart Besonders wichtig Jagdpraktische Konsequenz Rehwild Geruch, Gehör, Bewegungssehen Wind prüfen, langsam bewegen, harte Geräusche vermeiden Schwarzwild Geruch, Gehör, Tastsinn im Gebrech Wind und Geräusche sind entscheidend; Sicht allein reicht nicht Feldhase Gehör, großes Sehfeld, Bewegungssehen Annäherung im offenen Gelände ist besonders schwierig Fuchs Geruch, Gehör, räumliches Sehen Ansitz muss leise, windrichtig und mit Deckung erfolgen Wasserwild Sehen, Gehör Silhouette, Bewegung und Standort am Gewässer beachten Greifvögel Sehsinn Bestimmung erfolgt stark über Silhouette, Flugbild und Beobachtung aus Distanz
Bedeutung für Pirsch und Ansitz
- Vor dem Angehen immer Windrichtung und mögliche Wechsel des Wildes prüfen
- Nicht gegen den Wind des Wildes arbeiten: Menschliche Witterung darf nicht zum Wild ziehen
- Bewegungen langsam und in Deckung ausführen, besonders beim Ansprechen und Anschlagen
- Geräusche vermeiden: Reißverschlüsse, Metall, Handy, Stativ und trockene Zweige sind typische Fehlerquellen
- Bei Dämmerung nicht davon ausgehen, dass Wild den Jäger schlechter wahrnimmt als umgekehrt
- Bei Federwild sind Silhouette und Bewegung oft entscheidender als der Geruch
Häufige Prüfungsfehler
- „Wind vom Jäger zum Wild" als gute Windrichtung nennen
- Alle Wildarten pauschal als farbenblind oder sehschwach bezeichnen
- Federwild und Haarwild bei den Sinnesleistungen gleich behandeln
- Jägersprache verwechseln: Lauscher, Löffel und Teller nicht sauber zuordnen
- Tapetum lucidum pauschal auf alle Tiere übertragen
- Beim Schwarzwild den Tastsinn des Gebrechs vergessen