Land- & Waldbau / Wildschäden
Wildschäden
Wildschäden sind Schäden, die freilebende Wildtiere an land- und forstwirtschaftlichen Kulturen verursachen. Sie sind ein zentrales Thema an der Schnittstell…
Wildschäden sind Schäden, die freilebende Wildtiere an land- und forstwirtschaftlichen Kulturen verursachen. Sie sind ein zentrales Thema an der Schnittstelle von Jagd und Landwirtschaft und gehören zum Pflichtprogramm jeder Jägerprüfung. Der Jäger muss wissen, welche Wildarten welche Schäden verursachen, wie man Schäden zuordnet und welche Verhütungsmaßnahmen wirksam sind. Die korrekte Beurteilung von Wildschäden ist sowohl für die Praxis als auch für die Prüfung von großer Bedeutung.
Ursachen von Wildschäden
Wildschäden entstehen durch ein Zusammenspiel mehrerer Faktoren: • Hohe Wilddichten, insbesondere bei Schwarzwild und Rehwild • Fehlende natürliche Äsung durch ausgeräumte Agrarlandschaften • Mangelnde Bejagung oder unzureichende Jagdstrategien • Konzentration des Wildes auf attraktive Kulturen (Mais, Raps) • Störungen im Revier, die Wild in empfindliche Bereiche drücken • Fehlende Wildschadensverhütungsmaßnahmen
Ersatzpflicht – Nur drei Wildarten!
Ersatzpflichtig nach dem Bundesjagdgesetz (§ 29 BJagdG) sind ausschließlich Wildschäden durch:
1. Schalenwild: Alle Paarhufer – Rotwild, Damwild, Sikawild, Rehwild, Schwarzwild, Muffelwild, Gamswild 2. Wildkaninchen: NICHT der Feldhase! 3. Fasan: Nur der Fasan, nicht andere Hühnervögel
Landwirtschaftliche Wildschäden
In der Landwirtschaft unterscheidet man vier Hauptschadensarten
- Fraßschäden: Wild frisst an Kulturpflanzen. Schwarzwild im Mais (Milchreife!), Rotwild in Getreide und Raps, Rehwild in Raps und Grünland, Wildkaninchen an Gemüse und Getreide.
- Trittschäden: Wild zertrampelt Pflanzen beim Durchqueren. Besonders Rotwild und Schwarzwild in Getreide. Oft unterschätzt, können aber erhebliche Ausfälle verursachen.
- Lagerschäden: Wild lagert (liegt) in Getreide und drückt es nieder. Besonders Rotwild im Weizen und Schwarzwild im Getreide. Lagergetreide kann nicht mehr ordentlich geerntet werden und ist anfällig für Pilzbefall.
- Gebräch (Brechen): Typischer Schwarzwildschaden! Schwarzwild bricht mit dem Gebrech (Rüssel) den Boden um, um an Engerlinge, Würmer und Knollen zu gelangen. Besonders häufig in Grünland, Kartoffeläckern und Maisfeldern. Umgebrochene Flächen sind sofort erkennbar.
[Vergleichstabelle: Landwirtschaftliche Wildschadensarten Schadensart Schadensart Beschreibung Hauptverursacher Betroffene Kulturen Fraß Abfressen von Pflanzenteilen Schwarzwild, Rotwild, Rehwild Mais, Getreide, Raps, Grünland Tritt Zertrampeln von Pflanzen Rotwild, Schwarzwild Getreide, Grünland Lager Niederdrücken durch Liegen Rotwild, Schwarzwild Getreide (bes. Weizen) Gebräch Umbrechen des Bodens Schwarzwild Grünland, Kartoffel, Mais
Forstwirtschaftliche Wildschäden
Im Forst sind Wildschäden besonders folgenschwer, weil ein geschädigter Baum oft Jahrzehnte benötigt, um den Schaden auszugleichen – oder abstirbt. Die drei Hauptschadensarten sind:
Verbissschäden • Definition: Wild frisst Knospen, Triebe und junge Blätter/Nadeln von Bäumen • Hauptverursacher: REHWILD ist der Hauptverursacher von Verbissschäden! • Terminaltriebverbiss: Besonders gravierend – Abfressen des Haupttriebs (Leittrieb) führt zu Zwieselbildung oder Buschwuchs • Seitentriebverbiss: Weniger gravierend, Baum kann kompensieren • Rehwild ist ein Selektierer (Konzentratselektierer): Es wählt besonders nährstoff- und energiereiche Pflanzenteile, daher bevorzugt Knospen und junge Triebe seltener Baumarten → Entmischung!
Unterscheidung Rehwild-Verbiss vs. Hasenverbiss • Rehwild: Bissstelle AUSGEFASERT! Rehe haben keine oberen Schneidezähne und reißen die Triebe daher ab. Die Bissstelle zeigt zerrissene, ausgefranste Fasern. • Hase/Kaninchen: Bissstelle GLATT, wie mit einem Messer geschnitten! Hasenartige haben scharfe Schneidezähne oben und unten und schneiden die Triebe sauber ab. Oft schräger Schnitt in ca. 45°.
Schälschäden • Definition: Wild schält die Rinde von Bäumen ab und frisst die nährstoffreiche Bastschicht (Kambium) darunter • Hauptverursacher: ROTWILD ist der Hauptverursacher von Schälschäden! • Sommerschälung: Rinde wird in langen Streifen abgezogen (Rinde ist saftig und löst sich leicht) • Winterschälung: Rinde wird in kleinen Stücken abgenagt (Rinde ist fest und trocken) • Folgeschäden: Durch die Rindenverletzung dringen Pilze ein → ROTFÄULE (Stereum sanguinolentum bei Fichte)! Die Rotfäule entwertet das Holz massiv und kann den Baum über Jahre zerstören. Ein schälgeschädigter Stamm verliert bis zu 80 % seines Holzwertes. • Besonders betroffen: Fichte, Buche, Eiche in der Dickung und im Stangenholz
Fegeschäden • Definition: Männliches Schalenwild fegt den Bast vom neuen Geweih/Gehörn an Baumstämmen ab • Verursacher: Rehböcke, Hirsche, Damhirsche • Schadbild: Rinde wird streifenförmig abgeschürft, Bastfetzen hängen herab, Holz liegt frei • Häufigste betroffene Baumart: LÄRCHE! Die Lärche hat eine besonders dünne, weiche Rinde und ist daher am häufigsten von Fegeschäden betroffen. • Höhe der Fegeschäden zeigt die Wildart an: – Niedrig (20–60 cm): Rehwild (kleines Gehörn) – Mittel (60–120 cm): Damwild – Hoch (100–180 cm): Rotwild (großes Geweih)
[Vergleichstabelle: Forstwirtschaftliche Wildschadensarten Schadensart Schadensart Hauptverursacher Schadbild Folgeschaden Häufig betroffene Baumarten Verbiss Rehwild abgefressene Knospen/Triebe, ausgefasert Zwieselbildung, Entmischung Tanne, Eiche, Buche Schälung Rotwild abgeschälte Rinde Rotfäule, Holzentwertung Fichte, Buche, Eiche Fegen Rehwild, Rotwild streifenförmig geschürfte Rinde Absterben junger Bäume Lärche (häufigste!)
Wildschadensverhütung
Die Verhütung von Wildschäden ist eine Kernaufgabe des Jagdpächters. Die wichtigsten Maßnahmen:
Wildzäune – Der beste Schutz! • Wildzäune sind die wirksamste Maßnahme gegen alle Wildschadensarten im Forst • Empfohlene Zaunhöhen: – Gegen Rehwild: mindestens 1,50 m – Gegen Rotwild: 1,70–2,00 m – Gegen Wildkaninchen: mindestens 1,00 m Höhe PLUS 30 cm Eingraben in den Boden! (Kaninchen graben sich sonst darunter durch) • Material: Knotengeflecht, Drahtzaun oder Elektrozaun • Nachteil: Teuer in Anschaffung und Unterhalt, muss regelmäßig kontrolliert werden
Einzelschutz • Wuchshüllen (Tubex): Plastikröhren um einzelne Pflanzen, schützen vor Verbiss und Fegen • Drahthosen: Drahtgeflecht um den Stamm gegen Schälung und Fegen • Streichmittel: Auftragen von Verbissschutzmitteln auf Terminalknospen (z. B. Trico) • Spiralen: Kunststoffspirale um den Stamm gegen Fegeschäden
Chemischer Schutz • Vergrämungsmittel: Duftstoffe, die Wild von Flächen fernhalten (z. B. Wöbra-Streichmittel) • Verbissschutzmittel: Geschmacklich abstoßende Mittel auf Knospen und Triebe • Problem: Müssen regelmäßig erneuert werden, besonders nach Regen
Biologisch-mechanischer Schutz • Dornige Äste auf Pflanzungen legen (Reisig) • Pflanzung von Weichhölzern als Ablenkungspflanzung (z. B. Weiden) • Unterbau mit Wild-unattraktiven Arten • Jagdliche Maßnahmen: Angepasste Bejagung, besonders Rehwildregulierung zur Verbissreduktion
Typische Prüfungsfragen
1. Welche drei Wildarten sind nach dem BJagdG wildschadensersatzpflichtig? → Schalenwild, Wildkaninchen und Fasan.
2. Woran erkennt man, ob der Verbiss von Rehwild oder von einem Hasen stammt? → Rehwild: ausgefasert (keine oberen Schneidezähne). Hase: glatt geschnitten (scharfe Zähne oben und unten).
3. Welche Wildart ist der Hauptverursacher von Schälschäden und welcher Folgeschaden droht? → Rotwild. Folgeschaden: Rotfäule durch eindringende Pilze.
4. Welche Baumart ist am häufigsten von Fegeschäden betroffen? → Die Lärche (dünne, weiche Rinde).
5. Wie hoch muss ein Wildzaun gegen Rehwild, Rotwild und Kaninchen sein? → Reh: 1,50 m, Rot: 1,70–2,00 m, Kaninchen: 1,00 m + 30 cm eingegraben.
6. Was ist „Gebräch"? → Umbrechen des Bodens durch Schwarzwild mit dem Gebrech (Rüssel).
Häufige Fehler und Stolperfallen
- Feldhase als ersatzpflichtig bezeichnen: NUR Wildkaninchen ist ersatzpflichtig, NICHT der Feldhase!
- Verbiss: ausgefasert und glatt vertauschen: „Reh reißt rau" (ausgefasert), „Hase hat Messer" (glatt)
- Schälschäden dem Rehwild zuordnen: Schälung = Rotwild! Rehwild macht Verbiss und Fegeschäden.
- Rotfäule ohne Zusammenhang zur Schälung nennen: Rotfäule ist die FOLGE von Schälschäden (Pilzeintritt durch Rindenverletzung)
- Kaninchenzaun ohne Eingrabtiefe: 1 m Höhe allein reicht nicht – 30 cm müssen eingegraben werden!
- Fegeschäden der Lärche vergessen: Lärche ist die am häufigsten durch Fegen geschädigte Baumart
Merkhilfen
- Ersatzpflichtige Arten: „SKF – Schalenwild, Kaninchen, Fasan – nur die drei zahlen!"
- Verbiss: „Reh REISST RAU, Hase HAT's MESSER"
- Schälung: „ROTwild schält, ROTfäule fällt"
- Fegen: „Lärche leidet am meisten"
- Zaunhöhen: „1,5 – 2 – 1 plus 30: Reh, Rot, Kaninchen, so wird's geschafft"
- Landwirtschaftliche Schäden: „FTLG – Fraß, Tritt, Lager, Gebräch – die vier Schadensarten auf dem Feld"