Land- & Waldbau / Wildschäden
Getreide
Getreide ist die wichtigste Kulturpflanzengruppe in Deutschland und bedeckt den größten Teil der Ackerfläche. Für den Jäger ist die sichere Unterscheidung de…
Getreide ist die wichtigste Kulturpflanzengruppe in Deutschland und bedeckt den größten Teil der Ackerfläche. Für den Jäger ist die sichere Unterscheidung der Getreidearten im Feld eine Grundvoraussetzung – sei es bei der Beurteilung von Wildschäden, bei der Reviergestaltung oder im Prüfungsgespräch. Getreide gehört botanisch zur Familie der Süßgräser (Poaceae) und bildet als Fruchtstand entweder Ähren oder Rispen. Die Unterscheidung anhand der Grannen und des Habitus ist prüfungsentscheidend.
Grundlagen des Getreides
Alle Getreidearten sind Gräser und haben den typischen Grasaufbau: • Halm: Hohler, knotiger Stängel mit Blattscheiden • Blatt: Langes, schmales Grasblatt mit Blatthäutchen (Ligula) • Fruchtstand: Ähre (bei Weizen, Roggen, Gerste) oder Rispe (bei Hafer) • Korn: Die eigentliche Frucht (Karyopse) sitzt in Spelzen
Man unterscheidet: • Wintergetreide: Aussaat im Herbst, benötigt Kältereiz (Vernalisation) zum Blühen, Ernte im Sommer. Überwintert als kleine Pflanze auf dem Feld und bietet damit Winteräsung. • Sommergetreide: Aussaat im Frühjahr, kein Kältereiz nötig, Ernte im Spätsommer/Herbst.
Die wichtigsten Getreidearten
Weizen (Triticum aestivum) • Erkennungsmerkmale: Dicke, kompakte Ähre, meist OHNE Grannen (unbegrannt) • Merkspruch: Weizen hat KEIN „G" (wie Granne) im Namen → keine Grannen! • Habitus: Kräftiger, aufrechter Wuchs, mittlere Höhe (80–120 cm) • Anbau: Als Winter- und Sommerweizen, Winterweizen dominiert • Bedeutung: Wichtigstes Brotgetreide in Deutschland, größte Anbaufläche • Wildschäden: Rotwild lagert und äst in Weizenschlägen, Schwarzwild bricht Weizen im Milchreifestadium
Roggen (Secale cereale) • Erkennungsmerkmale: Schlanke, lange Ähre mit KURZEN Grannen • Merkspruch: Roggen hat ein KLEINES „g" im Namen → kleine/kurze Grannen! • Habitus: Schlank, aufrecht, wird höher als Weizen (bis 200 cm). Die schlanke Ähre nickt leicht. • Anbau: Überwiegend als Winterroggen! Roggen ist DIE klassische Winterform unter den Getreidearten. • Besonderheit: Fremdbefruchter (Wind), verträgt sandige, ärmere Böden besser als Weizen • Für Wild: Grünroggen als Winteräsung bedeutend
Gerste (Hordeum vulgare) • Erkennungsmerkmale: SEHR LANGE Grannen – länger als bei jedem anderen Getreide! • Merkspruch: Gerste hat ein GROSSES „G" im Namen → GROSSE, lange Grannen! • Habitus: Mittlere Höhe, die langen Grannen sind das auffälligste Merkmal • Anbau: Wintergerste (Viehfutter) und Sommergerste (Braugerste für Bier!) • Besonderheit: Sommergerste wird zur Bierherstellung verwendet (Braugerste) • Grannen können bei Reh- und Rotwild Verletzungen im Äser (Maul) verursachen
[Vergleichstabelle: Die drei Ährengetreide Merkmal Merkmal Weizen Roggen Gerste Ährenform dick, kompakt schlank, lang mittellang Grannen KEINE (kein G) KURZE (kleines g) SEHR LANGE (großes G) Höhe 80–120 cm bis 200 cm 60–120 cm Hauptform Winter Winter! Winter und Sommer Besonderheit wichtigstes Brotgetreide verträgt arme Böden Sommergerste = Braugerste
Hafer (Avena sativa) • Erkennungsmerkmale: RISPE statt Ähre! Die Körner hängen an feinen Stielen (Rispenästen) herab. • Merkspruch: „Hafer hängt!" – Die Rispe hängt locker herab, im Gegensatz zu den aufrechten Ähren der anderen Getreidearten. • Habitus: Aufrechter Wuchs, 60–150 cm, die Rispe macht Hafer unverwechselbar • Anbau: Fast ausschließlich als Sommergetreide • Besonderheit: Gesundungsfrucht in der Fruchtfolge (unterdrückt Getreidekrankheiten) • Für Wild: Haferkörner sind begehrte Kirrung und Äsung
Mais (Zea mays) • Erkennungsmerkmale: Wird bis 3 m hoch, breite Blätter, Kolben als Fruchtstand an der Seite des Stängels • Anbau: Ausschließlich als Sommerkultur! Mais verträgt keinen Frost. • Besonderheit: Stammt aus Mittelamerika, braucht Wärme und Wasser • Nutzung: Silomais (Viehfutter, Biogasanlage), Körnermais (Futter, Nahrung) • Wildtierrelevanz: Ab Sommer bieten Maisfelder Schwarzwild perfekte Deckung und reiche Nahrung. Große Maisflächen sind für den Jäger praktisch unjagdbar. Schwarzwild verursacht in Mais erhebliche Fraß- und Brechschäden. Zunehmender Maisanbau durch Bioenergieproduktion verschärft das Schwarzwildproblem.
[Vergleichstabelle: Alle fünf Getreidearten im Überblick Art Art Fruchtstand Grannen Winter/Sommer Höhe Besonderheit Weizen Ähre (dick) keine meist Winter 80–120 cm wichtigstes Brotgetreide Roggen Ähre (schlank) kurz überwiegend Winter bis 200 cm verträgt arme Böden Gerste Ähre sehr lang beides 60–120 cm Sommergerste = Braugerste Hafer RISPE variabel fast nur Sommer 60–150 cm „Hafer hängt!", Gesundungsfrucht Mais Kolben keine NUR Sommer bis 300 cm Schwarzwild-Problem
Besondere Getreidesorten und -formen
- Dinkel (Triticum aestivum subsp. spelta): Urform des Weizens. Korn ist fest von den Spelzen umschlossen (Spelzgetreide). Robuster als moderner Weizen, wird in extensiver Landwirtschaft und im Biolandbau geschätzt. Für Wild weniger relevant.
- Waldstaudenroggen (Secale multicaule): Besonders prüfungsrelevant! Ein MEHRJÄHRIGER Roggen! Normale Getreidearten sind einjährig, aber Waldstaudenroggen kann 3–5 Jahre stehen bleiben und wird dabei bis zu 2 m hoch. Hervorragend für Wildäcker als Dauerkultur mit Deckung und Äsung. Bildet dichte Bestände.
- Triticale: Kreuzung aus Weizen (Triticum) und Roggen (Secale). Vereint die Ertragsleistung des Weizens mit der Anspruchslosigkeit des Roggens. Name = Triticum × Secale. Hauptsächlich als Viehfutter verwendet. Winterfrucht.
Typische Prüfungsfragen
1. Wie unterscheidet man Weizen, Roggen und Gerste anhand der Grannen? → Weizen: keine Grannen (kein G), Roggen: kurze Grannen (kleines g), Gerste: lange Grannen (großes G).
2. Welches Getreide hat eine Rispe statt einer Ähre? → Hafer! „Hafer hängt!"
3. Ist Mais eine Sommer- oder Winterkultur? → Ausschließlich Sommerkultur, verträgt keinen Frost.
4. Was ist das Besondere am Waldstaudenroggen? → Er ist mehrjährig (3–5 Jahre) und damit ideal für Wildäcker als Dauerkultur.
5. Was ist Triticale? → Eine Kreuzung aus Weizen (Triticum) und Roggen (Secale).
6. Welches Getreide wird als Braugerste für Bier verwendet? → Sommergerste.
Häufige Fehler und Stolperfallen
- Weizen und Roggen verwechselt: Weizen hat KEINE Grannen und eine DICKE Ähre, Roggen hat kurze Grannen und eine SCHLANKE Ähre
- Hafer als Ähre bezeichnet: Hafer hat eine RISPE, keine Ähre!
- Mais als Winterfrucht: Mais ist ausschließlich Sommerkultur
- Waldstaudenroggen als einjährig behandelt: Er ist mehrjährig – das ist sein entscheidendes Merkmal
- Triticale-Herkunft falsch: Kreuzung aus Weizen × Roggen, nicht aus anderen Getreidearten
- Wintergerste und Sommergerste verwechselt: Sommergerste = Braugerste für Bierherstellung
Merkhilfen
- Grannen-Regel: „Kein G, kleines g, großes G" = Weizen (kein G → keine Grannen), Roggen (kleines g → kurze Grannen), Gerste (großes G → große Grannen)
- Hafer: „Hafer hängt!" – Rispe statt Ähre, die Körner hängen herab
- Mais: „Mais kommt aus Mexiko – mag's warm, mag keinen Frost, steht nur im Sommer"
- Waldstaudenroggen: „Wald-STAUDEN-roggen – Staude = steht mehrere Jahre"
- Triticale: „TRITIcum + seCALE = TRITICALE" – die Namen der Eltern stecken im Kind
- Roggen: „Roggen rockt den Winter" – überwiegend Winterform