Hege & Naturschutz
Wildökologie: Aktionsraum, Habitatfragmentierung und Wildkorridore
Wildökologie untersucht die Raumnutzung von Wildtieren, ihre Lebensraumansprüche und die Auswirkungen von Landschaftsveränderungen auf ihre Populationen. Für…
Wildökologie untersucht die Raumnutzung von Wildtieren, ihre Lebensraumansprüche und die Auswirkungen von Landschaftsveränderungen auf ihre Populationen. Für Jäger ist dieses Wissen essenziell: Wer die Raumnutzung seines Wildes versteht, kann Hege, Ansitze und Wildschadensmanagement zielgerichtet planen.
Raumnutzung: Aktionsraum, Einstand und Streifgebiet
- Aktionsraum (Home Range): Gesamter regelmäßig genutzter Bereich eines Tieres über einen definierten Zeitraum
- Einstandsgebiet: Deckungsreicher Kernbereich, der bevorzugt zur Ruhe und bei Störungen aufgesucht wird
- Streifgebiet: Weiterer Bereich, der gelegentlich genutzt wird (Äsung, Partnerwahl)
- Territorium: Aktiv verteidigter Bereich (z. B. Rehbock im Sommer; nicht alle Wildarten bilden Territorien)
- Kerngebiet: Am intensivsten genutzter Teil des Aktionsraums; enthält Einstand, bevorzugte Äsungsflächen
Raumnutzung verschiedener Wildarten im Vergleich
Rehwild (Capreolus capreolus): • Rehbock-Territorium im Sommer: 10–40 ha (aktiv verteidigt!) • Rehgeiß: Streifgebiet 10–30 ha (kein Territorium) • Standwild: Wechselt Einstand und Äsungsflächen saisonal
Rotwild (Cervus elaphus): • Sommereinstände: 100–500 ha (Hochlagen, kühle Wälder) • Wintereinstände: Bis 5.000 ha (Tieflagen, windgeschützte Täler) • Saisonale Migration: Bis zu 50 km zwischen Sommer- und Wintereinstand • Ursache für Rotwild-Bewirtschaftungsgebiete in NRW (Konzentration auf Waldregionen)
Weitere Arten: • Wildschwein: 200–5.000 ha; opportunistisch, hochmobil, Rotten • Fuchs: 200–600 ha (Nahrungsabhängig) • Wolf: 100–300 km² Territorium (Rudel)
[Bild: /images/abbildungen/sg1/aktionsraum_schema.png Schema Aktionsraum – Einstand, Kerngebiet und Streifgebiet des Wildes
Habitatfragmentierung – eine Hauptbedrohung für Wildtierpopulationen
- Fragmentierung: Zerteilung zusammenhängender Lebensräume durch Straßen, Siedlungen, Zäune
- Folgen:
- Isolation von Teilpopulationen: Kein Genaustausch → genetische Verarmung
- Unterbrechung saisonaler Wanderungen (besonders Rotwild!)
- Erhöhte Verkehrsunfälle: Wild versucht fragmentierte Landschaft zu durchqueren
- Verlust von Ausbreitungskorridoren für Jungtiere (Dispersion)
- In NRW besonders problematisch: Dichte Besiedlung, A1, A2, A3, A45 zerschneiden Wildlebensräume
Wildkorridore und Grünbrücken
- Wildkorridor: Verbindungsstreifen zwischen isolierten Habitaten (Hecken, Wälder, Gewässerläufe)
- Grünbrücke: Überführung über Autobahn mit naturnaher Bepflanzung für Wildtierdurchgang
- In Deutschland: Über 100 Grünbrücken, weitere geplant (Bundesverkehrswegeplan)
- Mindestbreite: 50 m (kleine Säuger), 80–100 m (Rotwild, Wolf)
- Grünbrücken werden von Reh, Rotwild, Luchs, Wolf, Fuchs genutzt
- NRW: Grünbrücken über A44, A1 (Planung und Realisierung)
Dispersion von Jungtieren und Metapopulationstheorie
- Dispersion: Abwanderung von Jungtieren aus dem Geburtsgebiet → Besiedlung neuer Räume
- Biologisch notwendig: Verhindert Inzucht, füllt freie Territorien auf
- Ohne Korridore: Jungtiere können nicht in neue Gebiete einwandern → Isolation
- Metapopulation: Netzwerk verbundener Teilpopulationen, die sich gegenseitig besiedeln können
- Lokales Aussterben einer Teilpopulation → Wiederbesiedlung aus Nachbarpopulationen möglich
- Voraussetzung: Korridore müssen vorhanden sein!