Hege & Naturschutz
Populationsökologie: Tragkapazität, K-Strategen, r-Strategen und Dynamik
Populationsökologie ist die Wissenschaft von der Dynamik tierischer Bestände. Sie liefert die Grundlagen für nachhaltiges Wildtiermanagement: Wer nicht verst…
Populationsökologie ist die Wissenschaft von der Dynamik tierischer Bestände. Sie liefert die Grundlagen für nachhaltiges Wildtiermanagement: Wer nicht versteht, wie sich Populationen entwickeln, kann keine fundierten Abschusspläne erstellen.
Populationswachstum: exponentiell vs. logistisch
Exponentielles Wachstum (J-Kurve): • Ohne begrenzende Faktoren → Population wächst immer schneller • In der Natur nur kurzfristig möglich (z. B. nach Seucheneinbruch, bei Neubesiedelung) • Beispiel: Wildschweinpopulation nach mildem Winter mit hohem Bucheckern-Angebot
Logistisches Wachstum (S-Kurve / sigmoidales Wachstum): • Population wächst zunächst schnell, verlangsamt sich bei hoher Dichte • Stabilisiert sich bei der Tragkapazität (K = carrying capacity) • Wachstumsrate ist maximal bei K/2 – hier ist nachhaltiger Abschuss am effektivsten! • Prüfungsregel: Nachhaltige Jagd entnimmt den jährlichen Zuwachs, nicht mehr
Tragkapazität (K-Wert) – zentrales Konzept
- Tragkapazität: Maximale Individuenzahl, die ein Lebensraum dauerhaft tragen kann
- Wird durch den knappsten Faktor limitiert (Liebigs Minimumgesetz!)
- Saisonal veränderlich: Winter ist der Flaschenhals (weniger Nahrung, mehr Energie für Thermoregulation)
- Überschreitungsphase: Wenn Bestand > K → erhöhte Sterblichkeit, schlechtere Reproduktion, Wildschäden
- Jagd als Regulierung: Hält Bestand unter K → bessere Kondition, weniger Schäden
[Bild: /images/abbildungen/sg1/logistische_wachstumskurve.png Logistische Wachstumskurve mit K-Wert, r-max und maximalem Zuwachs markiert
K-Strategen und r-Strategen – zwei Lebensgeschichtsstrategien
K-Strategen (K = Tragkapazität): • Wenige Jungtiere pro Wurf; intensive elterliche Fürsorge; lange Lebensdauer • Niedrige Reproduktionsrate, aber hohe Überlebensrate der Nachkommen • Populationen nahe der Tragkapazität; dichteabhängige Regulation dominiert • Beispiele: Rotwild (1 Kalb/Jahr), Wildschwein (4–8 Frischlinge; Mittelwert), Wolf, Luchs • Konsequenz für Jagd: Bestandsentnahme muss vorsichtig sein – Überjagung erholt sich langsam!
r-Strategen (r = intrinsische Wachstumsrate): • Viele Jungtiere pro Wurf; geringe elterliche Fürsorge; kurze Lebensdauer • Hohe Reproduktionsrate, aber hohe Sterblichkeit der Nachkommen • Populationen schwanken stark; erholen sich schnell nach Einbrüchen • Beispiele: Kaninchen (4–6 Würfe à 4–6 Jungtiere/Jahr), Feldhase (3–4 Würfe à 2–3 Junge), Fasan • Konsequenz für Jagd: Bestand erholt sich schnell; intensive Bejagung möglich
Dichteabhängige und dichteunabhängige Regulation
Dichteabhängig (wirken stärker bei hoher Dichte – negatives Feedback): • Nahrungskonkurrenz: Weniger Äsung pro Tier → schlechtere Kondition → geringere Reproduktion • Krankheiten und Parasiten: Übertragung schneller bei hoher Dichte (z. B. Räude, ASP) • Intraspezifische Aggression: Territorialkämpfe, Infantizid • Emigration: Jungtiere weichen in schlechtere Gebiete aus (Dispersion)
Dichteunabhängig (wirken unabhängig von der Dichte): • Strenge Winter, Dürre, Nassperioden, Hochwasser • Massiver Pestizideinsatz, Flächenverlust • Können Populationen unabhängig vom Bestandsniveau stark dezimieren
Populationsdynamik und Abschussplanung
- Jährlicher Zuwachs = Geburten + Zuwanderung − Sterblichkeit − Abwanderung
- Nachhaltiger Abschuss: Entnahme ≤ jährlicher Zuwachs
- Abschussplan NRW (aktuelle Rechtslage): verbindlich für Schalenwild ausgenommen Schwarz- und Rehwild (§ 25 LJG NRW); kein verbindlicher Abschussplan und keine Mindestabschüsse für Schwarzwild; Rehwild nach aktueller NRW-Rechtslage nicht abschussplanpflichtig
- Ziel: Bestand unterhalb der Grenze zu Wildschäden halten (Schäl-, Fege-, Verbissschäden)